Ein nachdenklicher Reporter im Silicon Valley.

Ach, schade. Das war knapp. Nachdem uns der Heute-Anchormann Claus Kleber in seiner interessanten Reportage fast eine Stunde lang durch das Silicon Valley geführt hat, landet er ganz am Schluss endgültig bei europäischer Überheblichkeit und deutscher Angst. Dabei hat er er uns zuvor eindrucksvoll gezeigt, dass südlich von San Francisco derzeit die klügsten Köpfe an den interessantesten Projekten arbeiten. Doch mit seinem Schluss-Statement demonstriert er das tiefe und manchmal etwas dumpfe Misstrauen gegenüber den unzähligen Forschern, Wissenschaftlern und Machern, die hier gerade so intensiv an der Lösung von Menschheitsproblemen arbeiten.

„Müssen wir mitgehen? Auf diesen Trip? Nein! Wir sind Europäer. Aus anderem Holz geschnitzt. Wir vergöttern Veränderungen nicht so. Das ist nicht unser Trip. Vielleicht neigen wir zu einem schärferen Blick dafür, wie untrennbar verwoben Verheißung und Gefahr im Fortschritt sind.“ Sehen besser, wie dringend es wäre, nachzudenken bevor Unwiderrufliches geschieht. Aber bremsen allein wird nicht reichen.“

Wir sehen also schärfer. Sehen besser. Aha. Wirklich? Besser als all die klugen Köpfe, die er uns gerade vorgeführt hat? An der US-Westküste gibt es also nur kurzsichtige Naivlinge? Berauscht von den Möglichkeiten oder einfach nur maßlos? Das ist eine weit verbreitete Sichtweise in Deutschland. Und einfach nur schwer verdauliche Überheblichkeit.

„Das Gedächtnis automatisieren“

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Da ist zum Beispiel Astro Teller. Er ist als „Captain of Moonshots“ Chef von Googles Entwicklungsabteilung Google X. Ihm zufolge können wir jetzt die ganz großen Probleme lösen und dafür brauche es radikale Ideen. Wir haben uns laut Teller an zu viele Schwierigkeiten gewöhnt, ohne darüber nachzudenken, wie man die Dinge verändern könne. An die vielen Verkehrstoten, an tägliche Staus. Das sei jetzt alles lösbar. Zum Beispiel mit selbstfahrenden Autos. Oder mit Quantencomputern, die gerade in Windeseile entwickelt werden.

Ähnlich klingt es bei Sebastian Thrun. Er war bei Google für die selbstfahrenden Autos zuständig. Jetzt ist er an der Entwicklung von selbstfliegenden, elektrischen Flugzeugen beteiligt und sagt Sätze wie: „Ich will, dass mein Gedächtnis automatisiert wird, sodass ich mich an alles erinnern kann, was ich jemals gesagt und gedacht habe.“ Die Menschen müssten laut Thrun ihr Gehirn optimieren, damit sie mit der technischen Entwicklung mithalten können. Die digitale Revolution überfordere viele Leute, also müsse man die Leistungsfähigkeit erhöhen. Und nicht den Fortschritt bremsen.

„Das ist alles nicht gut“

Nach diesen glorreichen Aussichten muss schnell ein Taxifahrer her, der für die Sharing-Plattform Uber tätig ist, und uns erklärt, wie hart er arbeiten muss, um seine Familie zu ernähren. Rusty Mendoza bildet das untere Ende der digitalen Nahrungskette. Er schläft in seinem Wagen und spricht aus, was auch viele Deutsche hinter der Digitalisierung vermuten: „Uns geht es schlecht. Das ist alles nicht gut.“ Kleber munkelt dazu, dass die Macht von Uber nur schwer zu greifen sei: „Es ist eine App. Mehr nicht.“

Danach bewegen wir uns wieder in höheren intellektuellen Sphären. Thrun will mit seiner Internet-Universität Udacity billige Bildung für alle. Neil Jacobstein von der Stanford University erklärt, dass wir die Schöpfung enträtselt haben und quasi alles machbar sei. Jennifer Doudna erklärt, dass sie mit ihrer Technik in der Lage sei, jeden einzelnen Buchstaben in der DNS von Lebewesen zu verändern. Wir könnten schon jetzt Pflanzen und Organismen konstruieren.

Das waren noch Zeiten

Das macht Claus Kleber dann doch etwas Angst. Und der Künstler Jeremy Mayer, der in seinem Atelier aus altmodischen Geräten Skulpturen zusammenbaut, sieht es ähnlich. Es gäbe einen Trend zu autoritären Figuren, weil die Geschwindigkeit der Entwicklungen alles entgleiten ließe. Beide blicken versonnen auf eine alte Kugelkopfschreibmaschine. Ja, das waren noch Zeiten. So schön. Und so einfach. Mayer fordert Gesetze, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Das gefällt dem Gast aus Deutschland.

Kleber identifiziert sich in seinem Film am ehesten mit dem Taxifahrer und dem Künstler. Diese seltsamen Entwickler und Forscher lassen ihn eher schaudern. Facebook-Chef Mark Zuckerberg wird als „Alleinherrscher“ bezeichnet und die rhetorische Frage des Reporters zum Thema Facebook lautet: „Wann werden wir alle steuerbar?“ Alles sei irgendwie „unheimlich schön“, resümiert Kleber. Wobei das „schön“ ziemlich gut erklärt wird. Das „unheimlich“ ist eher so ein Bauchgefühl. So ein dumpfes Grummeln und Grollen. Alles wird sich verändern. Ja. Aber der Heute-Moderator möchte das eigentlich nicht. Das merkt man ihm deutlich an.

Hier könnt ihr die Reportage anschauen:

Foto: ZDF / Screenshot