Swoopo

Bereits seit dem Sommer 2005 wird von der Münchner Entertainment Shopping AG ein neues Geschäftsmodell betrieben, das viel Cash abwirft und gleichermaßen erschreckte Bewunderung wie auch irritierte Verwunderung hervorruft: Das Portal Swoopo (www.swoopo.de) ist ein Auktionshybrid, der die Prinzipien von Ebay, Woot (auf Woot erscheint täglich ein Artikel zu Discountpreisen, auf den dann geboten werden kann) und einem einarmigen Banditen vereint.

Zur Funktionsweise von Swoopo

Swoopo funktioniert so, dass die Nutzer Gebote abgeben, die jeweils 50 Cent kosten und die sie auch in Paketen („Bid-Packs“) kaufen können. Einen Mengenrabatt gibt es nicht, sondern wie in einer Spielbank kauft man sich so nur eine Art Spielchip zum Preis von einem halben Euro. Vergleichbar einem einarmigen Banditen bietet man nun auf ein Produkt, indem man sein Swoopo-Gebot wie einen Spielchip einsetzt. Dadurch steigt der Preis für das Produkt (quasi der „Jackpot“) um 10 Cent. Gleichzeitig erhöht sich die Angebotsdauer um maximal 20 Sekunden, als würden sich die Räder eines Automaten weiterdrehen. Sobald die Aktion endet, bezahlt der letztbietende den finalen Preis, wenn er denn das Preisangebot annehmen möchte. Es ist ihm auch möglich, die Auktion auszuschlagen. Den Preis für die Gebote muss er dennoch bezahlen.

Allerdings hinkt der Vergleich zum Glücksspielautomaten etwas, weil Glücksspiel bedeutet, dass der Ausgang einer Interaktion vom Zufall abhängt, bei Swoopo entscheiden aber die Nutzer. Auch wird der „Jackpot“ nicht ausgezahlt, sondern muss im Gegenteil bezahlt werden. Dennoch gleicht sich die Funktionsweise (Einheiten kaufen, einsetzen und so den Fortgang des Systems bewirken) in gewisser Weise und lässt sich wohl am besten an einem Beispiel erläutern:

Beispiel: Ein iPod Touch könnte bei Swoopo für 1.080 Euro den Besitzer wechseln

Beispielrechnung

Und, gemerkt? Jeder Nutzer zahlt 50 Cent für ein Gebot, wenn er es einsetzt steigert sich der Preis jedoch nur um 10 Cent. Das heißt der letztendlich angezeigte Preis entspricht nur 20 Prozent dessen, was de facto in die Auktion von allen Usern investiert wurde. Nimmt man an, geboten wird auf einen 8 GB Apple iPod Touch, der in Deutschland zurzeit einen Marktpreis von 219 Euro hat, und dass das Gerät bei Swoopo den Besitzer für 180 Euro wechselt, entspräche dies 1.800 Geboten zu je 10 Cent. Erinnert man sich nun daran, dass die Nutzer für ein Gebot aber nicht 10, sondern 50 Cent bezahlen, beläuft sich der von allen Nutzern bezahlte Preis schon auf 900 Euro. Plus die 180 Euro, die der Letztbietende zu zahlen hat, ergibt sich so eine Summe von 1.080 Euro für ein Gerät, das auf dem Markt 219 Euro kostet.

Vielleicht erklärt sich daraus auch die Tatsache, dass das Geschäftsmodell von Swoopo offenbar die Gemüter erhitzt (einem Swoopo-Artikel bei Coding Horror schließen sich insgesamt zirka 60 DIN A4-Seiten Kommentare an):  Für den einen Bieter, der den iPod letztlich 39 Euro billiger ersteht als im Handel, mag ein guter Deal zustande gekommen sein. Doch de facto wird dieser Preis durch die anderen 1.800 Bieter quersubventioniert, die den Zuschlag nicht bekommen haben.

Allerdings wurde in den letzten drei Monaten kein iPod Touch in einer solchen Höhe verkauft. Durchschnittlich lag der Preis für ein Gerät seit Juli bei 47 Euro, was in gut 50 Prozent der Fälle einen Gewinn für Swoopo bedeutete. Der Swoopo-Direktkaufpreis des Geräts liegt bei 199,95 Euro, also immer noch günstiger als bei Apple selbst. Laut Angaben von Swoopo bleibe man auch auf dem gesamten Portal bei 50 Prozent der abgeschlossenen Auktionen mit dem Endpreis unter dem Einkaufspreis und mache damit in diesen Auktionen Verlust. Bei Margen wie der im Beispiel des iPods gelingt es dennoch, das 65 Personen starke Unternehmen umsatzstark zu machen: Der Umsatz 2008 konnte von knapp elf Millionen Euro im Vorjahr auf 21,7 Millionen Euro beinahe verdoppelt werden.

Swoopo erhitzt die Gemüter – Abzocke oder genialer neuer Verkaufsansatz?

Als „Abzocke“ wird das Münchner Portal oft von seinen Kritikern beschimpft, weil die Preisentwicklung der Produkte auf Umverteilungen basiert und so leicht aus den Augen verloren werden kann. Ein Vorwurf, den CEO Gunnar Piening von sich weist: „Es ist mir ein Rätsel, warum es sich hierbei um Abzocke handeln sollte. Wir haben es mit logisch denkenden Menschen zu tun, die die Konsequenzen ihres Handelns kennen. Alles ist sehr transparent gehalten und jeder weiß zu jedem Moment, was er tut. Außerdem haben wir selbst für den Fall, dass man eine Auktion nicht gewinnt, Maßnahmen geschaffen.“ Damit spielt er auf den Direktkauf an, den Swoopo mittlerweile auch anbietet. Jene User, die nicht zu den Letztbietenden gehörten, können das von ihnen eingesetzte Geld nutzen, um das Produkt zu einem Festpreis dennoch zu erstehen. Sie zahlen einen vordefinierten Preis abzüglich der Summe, die sie bei der Auktion in Geboten bereits eingesetzt haben. Ein angenehmer Trost, bei dem auch Swoopo gewinnt.

Und wer ist der Gewinner bei Swoopo?

Es hat womöglich derjenige Glück, der als letztes geboten hat und nun einen iPod bekommt, der 39 Euro unter dem Ladenpreis liegt. Wahrscheinlich ja, ist man nicht gerade in ein Bietfieber verfallen. Hat die Person aus dem Beispiel, die den iPod für 180 Euro erstanden hat, 78 Mal mitgeboten, liegt auch sie in Summe bei einem Kostenfaktor in Höhe des Ladenpreises. Bietet man mehr als 438 Mal, liegt man allein mit dem Preis für die Gebote höher als der Ladenpreis und hat den für alle sichtbaren Preis gleichzeitig um gerade mal 43,80 Euro angehoben.

Nur einmaliges Bieten möglichst kurz vor Ablauf der Auktion ist aber nicht unbedingt eine erfolgreiche Strategie, wird doch die Angebotsdauer stets verlängert, was wiederum anderen genug Zeit zum Bieten gibt. Und nun denke man an die Last-Minute-Bieter bei Ebay: Wenn diese schon bei regulären Auktionen die Preise in die Höhe jagen, wie intensiv gestaltet sich dies dann erst, wenn  mit jedem Bieten noch einmal bis zu 20 Sekunden hinzu kommen? Vor allem wenn swoopo auch noch einen „BidButler Service“ anbietet, der das Bieten zu vordefinierten Preisständen automatisiert für einen übernimmt? Im Vergleich zu gewöhnlichen Auktionen ist dies realitätsnäher, verlängert sich doch auch eine echte Auktion, wenn noch eine weitere Person bietet. Nicht vergleichbar ist hingegen der Umstand, dass auch diejenigen mit bezahlen müssen, die nicht den Zuschlag erhalten haben.

Gerüchte und Tratsch über Swoopo im Web

Nicht bestätigen konnte Gründerszene die Annahmen einiger Blogger, dass Swoopo vermutlich nicht einmal die Kosten eines Lagers für die angebotenen Waren zu tragen hat. Aus einer Klausel in den AGB, dass im Falle einer Nichtverfügbarkeit ein vergleichbares Produkt als Ersatz angeboten wird, schloss etwa Coding Horror darauf, dass Swoopo auf ein Lager verzichten und so Kosten sparen würde. „Es ist bei dieser Masse an Auktionen gar nicht möglich, auf ein Lager zu verzichten. Besagte Klausel erklärt sich so, dass sich der Vertragsabschluss bei einigen Auktionen manchmal durch die Nichtzustimmung der Nutzer so lange hinziehen kann, dass das Produkt bis dahin vergriffen ist. In diesem Falle stellen wir aber einen neuwertigen Ersatz“, erklärt Piening.

Solche und andere Gerüchte halten sich wacker über das Münchner Portal: Swoopo könnte durch Bots oder Mitarbeiter selbst bei seinen Auktionen mitbieten und so sichern, dass Artikel nicht unter dem Einkaufspreis den Besitzer wechseln. Swoopo würde ungemerkt amerikanische und britische Bieter gegeneinander antreten lassen, um ein Rund-um-die-Uhr-Bieten anzuregen usw. Beim Münchner StartUp wehrt man sich gegen solche und andere Vorwürfe deutlich: „Angebote künstlich in die Höhe zu treiben ist Betrug und kriminelle Machenschaften zählen definitiv nicht zu unseren Geschäftspraktiken“, versichert Piening. Dass man amerikanische und britische Bieter „gegeneinander antreten“ lässt ist hingegen korrekt und wird eindeutig ausgewiesen, wenn dies der Fall ist.

Swoopo-Screenshot

Swoopo: Geniales Geschäftsmodell? Oder eher genial daneben?

Der Erfolg von Swoopo ist auch den Investoren nicht verborgen geblieben: Insgesamt 14 Millionen US-Dollar Funding sind durch Wellington Partners (www.wellington-partners.com) (vier Millionen US-Dollar) und August Capital (zehn Millionen US-Dollar) in das Unternehmen geflossen. So bezeichnet Wellington es als eine der „innovativsten Handel- und Unterhaltungsideen im Internet“. Auch Piening, der die Microsoft-Tochter Ciao als Managing Director mitprägte und nun Swoopo leitet, sieht im Swoopo-Konzept einen gänzlich neuen Ecommerce-Ansatz, der Shoppen mit Entertainment verbindet.

Glaubt manCrunchBase, hat Swoopo seit April 2009 monatlich über 10.000 Auktionen abgeschlossen und führt 1,2 Millionen registrierte Nutzer. Zunächst in Deutschland auf den Weg gebracht, ist Swoopo mittlerweile auch in Österreich, Spanien, den USA, Kanada und dem Vereinigten Königreich verfügar. In diesem Jahr wird auch Korea folgen. Ähnliche Ableger gibt es auf dem europäischen Kontinent, beispielweise durch die finnische Plattform fiksuhuuto.com, sowie auch in den USA mit BidRodeo (seit 2008) oder Project Fair Bid(noch im Stealth-Mode).

Zugegeben, das Modell von Swoopo ist wirklich smart: Alle Nutzer, die bei einer Auktion mitbieten tragen die Kosten der Produkte und ermöglichen so die günstigen Preise. Quasi eine Umverteilung von Kosten. Und Swoopo kann eigentlich kaum verlieren: Der Cashflow rekrutiert sich nicht nur aus den am Ende bezahlten Auktionspreisen, sondern auch aus allen abgegebenen Geboten. Zusätzlich verdient man unter Umständen auch, wenn jemand eine Auktion verliert und sich dann zu einem Sofortkauf mit der Direktkauf-Option entscheidet.

Dies verdeutlicht vielleicht, warum Swoopo erschreckte Bewunderung wie auch irritierte Verwunderung hervorzurufen scheint: Erschreckend ist die Genialität hinter diesem Geschäftsmodell. Kosten werden auf viele Schultern verteilt und für den Einzelnen zwar transparent, aber unübersichtlich aufgeschlüsselt, indem er stets seine Ausgaben genau im Blick haben und Einsatz und De-facto-Preis rückrechnen muss. Verwundern tut hingegen der Umstand, dass sich so viele Nutzer auf dieses System einlassen. Zugegeben: Es besteht die Chance, ein Schnäppchen zu machen. Ebenso kann man aber auch draufzahlen, wenn man nicht genau nachdenkt und die Preisentwicklung mit den auf verschiedenen Ebenen entstehenden Kosten im Auge behält. Denn als „Entertainment Shopping“ beworben, verhilft Swoopo ein Mechanismus der menschlichen Psyche, der im Englischen „Endowment-Effect“ (Besitztumseffekt) genannt wird: Sobald man auf ein Produkt mehr als einmal geboten hat, steigt das finanzielle Interesse an diesem Produkt und man ist möglichweise gegen jede Vernunft dazu bereit, mehr zu investieren als das Produkt Wert ist, um nicht gegen einen anderen Nutzer „zu verlieren“…
Für kalkulierende Sparfüchse, die ernsthaft an einem günstigen Kauf interessiert sind, kann Swoopo also unter Umständen Top-Angebote bereithalten. Für Zocker und Glücksjäger kann die Sache allerdings schnell teuer werden. Doch vielleicht besteht für diese die einzige Alternative im Nichtspielen. Schließlich gewinnt die Bank ja (fast) immer.