Wunderloop, AudienceScience, Behavioral Targeting, Targeting-Lösung

Dass der deutsch-europäische Targeting-Anbieter Wunderloop (www.wunderloop.com) im April diesen Jahres Insolvenz anmelden musste, erschütterte und überraschte viele in der deutschen Internet-Szene – nun zeichnet sich eine Lösung für das Pleite gegangene Unternehmen ab: AudienceScience, ein amerikanisches Pendant von Wunderloop, kauft den deutschen Targeting-Anbieter aus der Insolvenzmasse heraus.

AudienceScience kauft Wunderloop

Nach seiner Insolvenz im April 2010 wurde Wunderloop von Insolvenzverwalter Sven-Holger Undritz (White & Case) betreut, dem Corporate Finance Partners beim Verkaufsprozess an AudienceScience zur Seite stand. Es galt Schadensbegrenzung zu betreiben und dies gelang durch das Einspringen von US-Player AudienceScience – ein erwartbarer Schritt.

AudienceScience ist ein Technologie-Anbieter, der wie Wunderloop auf das zielgruppenspezifische Ausspielen von Werbung spezialisiert ist. AudienceScience bringt es dabei nach eigenen Angaben auf 200 Milliarden Dateneinblicke von weltweit 386 Millionen Nutzern. Ziel der Technologie ist es, Vermarkter mit dem Wissen und der Kontrolle für effektive globale Kampagnen zu versorgen – ein Szenario, das Wunderloop hervorragend ergänzt. Denn so leicht und kostengünstig gelang es einem amerikanischen Player wohl selten, seine Reichweite nach Europa auszuweiten. Das Hamburger Büro von Wunderloop soll auch weiterhin betrieben werden und die jeweiligen Kunden behalten ihre Ansprechpartner.

Über die Höhe des Kaufpreises wurde sich nicht geäußert, Experten spekulieren jedoch über einen zweistelligen Millionenbetrag. Laut der FAZ hatten sich drei amerikanische und drei europäische Unternehmen um Wunderloop bemüht – Audience Science setzte sich am Ende gegen einen deutschen Konkurrenten durch. Erst Anfang Mai übernahm AudienceScience das spanische Werbenetzwerk Consorte Media und gilt derzeit als Marktführer in Großbritannien, Japan und den USA, so die Internet World Business.

Wunderloop ergänzt die AudienceScience-Reichweite

Für den amerikanischen Markt schreibt sich AudienceScience auf die Fahne dank überlegener Technologie und Datenqualität zu den Marktführern der Industrie zu gehören. Nun soll Wunderloop die paneuropäische Präsenz verstärken: „AudienceScience ist der ideale Partner für Wunderloop. Auf einen Schlag haben wir nun die Möglichkeit, die erfolgreiche Technologie von Wunderloop in die USA und andere Märkte zu exportieren, während wir auch hier in Europa unsere Reichweite dank der tollen Produkte von AudienceScience erweitern“, meint Wunderloop-CEO Torsten Ahlers dazu.

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Wenngleich versichert wird, das Kunden, Partner und Angestellte von der Übernahme dank gesteigerter Reichweite profitieren, dürfte auch damit zu rechnen sein, dass die erweiterte Reichweite von einer verkürzten Belegschaft begleitet wird. Nach größeren Übernahmen ist es durchaus üblich, dasss Cost-Cutting über die Entlassung von Mitarbeitern betrieben wird – schließlich würden viele Positionen sonst auch doppelt besetzt. Dass die Zusammenführung von Wunderloops und AudienceSciences Kunden- und Partnerdatenbank dennoch eine große Reichweitensteigerung bedeutet, dürfte außer Frage stehen, nur schade, dass hiervon nicht das deutsche Unternehmertum profitiert.

Wie kam es zur Wunderloop-Insolvenz?

Die Insolvenz von Wunderloop, das auch ein Büro in Hamburg hat, kam für die externen Beobachter sehr überraschend, waren doch einige Aspekte an diesem Pleitegang skurril. Wunderloop scheiterte damals an einer fehlenden Zwischenfinanzierung, wobei der große Overhead und die Nichteinigkeit der Finanz-Partner über die Ausgestaltung des finalen Deals zu den Hauptursachen für das Finanzierungsdebakel gezählt haben dürften.

Zu den Altinvestoren zählten bisher Klaus Hommels, Michael Kleindl sowie die Hexal-Gründer Andreas und Thomas Strüngmann. „Leider haben sich alte und neue Investoren nicht auf eine Zwischenfinanzierung einigen können. Daher hätten wir in vier Wochen nicht mehr alle Zahlungen leisten können”, sagte CEO Torsten Ahlers damals der FAZ.

Skurril war diese Pleite, weil das Wunderloop-Produkt durchaus attraktiv ist: Für den Aufbau eines entsprechenden Targetingtools, mit dem Zielgruppen gezielt mit Werbung bespielt werden können, sind mehrere Jahre Aufbauarbeit und schätzungsweise ein mindestens niedriger bis eher mittlerer zweistelliger Millionenbetrag nötig – Geld, das aus deutschen Taschen investiert wurde und dessen Ergebnis nun kostengünstig in die USA abfließt. Insbesondere United Internet hatte sich – wohl vor allem in dem Bestreben, einen Targeting-Standard zu etablieren, der den Ausschlag für eine Seite im Wettstreit von Agenturen und Vermarktern hätte bedeuten können – stark bei Wunderloop engagiert.

Die deutsche Vermarktungslandschaft verramscht sich an einen US-Strategen

Wunderloop ist eine jener Unternehmensgeschichten, die belegt, dass es der deutsche Markt häufig nicht hergibt, strukturell innovative Firmen aufzubauen. „Wunderloop war der Versuch, kein Copycat, sondern einen Strukturplayer zu bauen, einen, der strukturell relevant für die Medienbranche werden sollte“, beschreibt Klaus Hommels das Szenario. Die Pleite des Unternehmens trotz potenter Geldgeber und gut positionierter Partner zeigt, dass das Thema Behavioural-Targeting auf Vorstandsebene der wesentlichen Player wie G+J EMS, SevenOne Media, Tomorrow Focus und IP Deutschland (die vor nicht allzu langer Zeit ihre neue Vermarktungsallianz AdAudience an den Start brachten) wohl noch nicht als wichtig genug wahrgenommen wird.

Anscheinend fehlt es in Deutschland für so strategisch relevante und kapitalintensive Unternehmensentwicklungen an der Akzeptanz für Neues oder aber der branchenübergreifende Strategiepoker lahmt den Entwicklungsprozess. Speziell im B2B-Geschäft gibt es keine Adaptionsgeschwindigkeit, wenn essentielle Player nicht mitgehen, weil so der Markt den Ansatz nicht trägt. Gerade Ansätze wie der von Wunderloop brauchen schließlich Volumen. Das mehr hinter der Wunderloop-Geschichte steckt, als nur ein unwilliger Markt, ist jedoch offensichtlich. Hier vollzieht sich ein strategisches Tauziehen, das schon seit mehreren Jahren die Medienbranche erfüllt.

Egal wie sich die Wunderloop-Pleite nun ergeben hat, ob aus Investoren-Poker oder Marktschwäche – schade für das gesamte deutsche Unternehmertum ist, dass wieder ein amerikanisches Unternehmen der lachende Dritte ist. Es greifen die in diesen Fällen üblichen Mühlen: Der deutsche Standort hat nichts mehr zu sagen und deutsche Vermarkter öffnen ihre Daten gen USA. So wird es nichts mit der Beständigkeit und Unabhängigkeit der deutschen Vermarktungslandschaft.