Creative businessman using laptop in office

Dass es ihrem Unternehmen nicht guttut, wenn ständig Mitarbeiter abwandern, das hat Raffaela Rein früh erkannt: Die Gründerin der Berliner Techie-Schule CareerFoundry hat deshalb die ungewöhnliche Maßnahme ergriffen, sämtliche Gehälter in der Firma offenzulegen – das erhöhe die Bindung ihrer Angestellten an das Startup. „Wir wollen, dass unsere Leute bleiben“, erklärte Rein unlängst im Gründerszene-Interview. Ihre Mitarbeiter hätten „ein solches Wissen über die Firma, die Unternehmenskultur und die Kunden, dass man das neuen Leuten gar nicht mehr antrainieren kann. Solche Kollegen zu verlieren, ist sehr teuer, egal wie sehr sie noch am Anfang ihrer Karriere stehen.“

An dieser Theorie ist etwas dran – das belegt nun erstmals auch eine wissenschaftliche Studie. Das zentrale Ergebnis der empirischen Untersuchung des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die Gründerszene vorab vorlag: Egal, ob Mitarbeiter kündigen oder die Geschäftsführer Angestellte auf die Straße setzen – die Produktivität junger Unternehmen nimmt bei verstärkter Mitarbeiterfluktuation immer Schaden.

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Verfasst hat das Paper mit dem Namen „The Productivity Effects of Worker Replacement in Young Firms“ der Volkswirt Martin Murmann, der dafür inhabergeführte innovative Jungunternehmen in den Blick genommen hat. Die Daten stammen aus dem Startup-Panel von ZEW und KfW, in dem mehr als 15.000 Unternehmen mit Gründungsdatum zwischen 2005 und 2012 erfasst sind.

Während es zu den Auswirkungen häufiger Mitarbeiterwechsel in etablierten Unternehmen bereits viele Untersuchungen gibt, war bis zur aktuellen Studie kaum über die Fluktuation in Startup-Teams geforscht worden. Auch ältere Firmen profitieren normalerweise nicht von einer hohen Fluktuationsrate, kurzfristig allerdings kann sie die Produktivität durchaus erhöhen, wie Untersuchungen zeigen: Weil, so die Theorie, Arbeitnehmer und -geber nach einem geglückten Mitarbeiterwechsel besser zusammenpassen.

Bei jungen Firmen und insbesondere innovativen Startups herrschen allerdings andere Bedingungen. Sie dienen auch als Erklärung, warum Fluktuation hier besonders schädlich ist.

  • Erstens sind es bei Startups besonders die hochqualifizierten Top-Mitarbeiter, für die ein Wechsel zu einem anderen Unternehmen reizvoll ist: Sie würden zum Beispiel bei konkurrierenden Konzernen deutlich besser bezahlt werden. Sie zu ersetzen, ist schwierig und teuer.
  • Denn zweitens verfügen Jungunternehmen in der Anfangsphase selten über Erfahrung im Recruitment und über ein professionelles Personalmanagement – die Kosten, neue Arbeitskräfte zu suchen und sie an ihren neuen Job zu gewöhnen, sind bei Startups also höher.
  • Drittens sind bei Startups die Hierarchien flacher, die Prozesse informeller und weniger standardisiert. Ein einzelner Arbeitnehmer verfügt also eher über ein großes implizites Wissen – ein Wechsel verursacht viel eher große Reibungsverluste.

In der Studie zeigen sich vor allem zwei Effekte: Der negative Zusammenhang zwischen Mitarbeiterfluktuation und Startup-Produktivität ist besonders stark in Fällen, bei denen die Gründer über wenig Management-Erfahrung verfügen und die Unternehmen noch besonders jung sind. Und: Es macht quasi keinen Unterschied, ob ein Mitarbeiter von sich aus geht oder von der Geschäftsleitung „gegangen“ wird – die unternehmerische Produktivität leidet.

Für den Autor der Untersuchung leiten sich daraus eine Reihe von Handlungsanweisungen ab:

  • Erstens sei es keine sinnvolle Personalstrategie, ständig die Belegschaft durchzutauschen – das behindere die Entwicklung des Unternehmens.
  • Zweitens gelte es, die ersten Mitarbeiter besonders sorgfältig auszuwählen und sie gut an das Unternehmen zu binden.
  • Und drittens sollten unerfahrene Gründer ruhig Hilfe bei spezialisierten HR-Beratern suchen.

Wie man aus seinen Angestellten loyale Mitarbeiter machen kann, zeigt zum Beispiel auch das Berliner Adtech-Startup Adjust. Die drei Gründer des 2012 gestarteten Unternehmens schicken ihre Belegschaft einmal im Jahr für eine Woche in Team-Urlaub, in die Türkei, nach Mexiko oder Thailand, selbst bei inzwischen dreistelliger Mitarbeiterzahl. Das hebe die Stimmung im Team, sagt Gründer Christian Henschel, und vor allem: Es halte die Fluktuation niedrig.

Bild: Getty / Hero Images