Erst Hype, dann Schwächephase – es wird Zeit für den Wearables-Boom

Kolumne . Tech-Gadgets sind wichtige Begleiter in vielen Bereichen der Medizin geworden. Ihre Daten unterstützen uns dabei, ein besseres Leben zu führen.

Die Augmented Reality Brille erlaubt es dem Schwimmer, seinen Herzschlag in Echtzeit zu kontrollieren. den Her

Es hat gedauert. Die Widerstände waren groß. Doch jetzt kommt die digitale Gesundheitswirtschaft in Gang. Sie verspricht uns ein besseres Leben und mehr als nur die Reparatur des menschlichen Körpers. Datengetriebene Startups fordern die Industrie heraus. Plattformen und Apps unterstützen Patienten und Ärzte. Und Technologien wie Künstliche Intelligenz sind dabei, den Menschen zu übertreffen. Jeden Freitag lest ihr hier unsere Kolumne Healthy Business, die einen Blick auf die Gesundheitsbranche wirft.

Augmented Reality gewinnt in der digitalen Gesundheitswirtschaft zunehmend an Bedeutung. Die Technologie, die in vielen Fachgebieten Anwendung findet, gilt als Megatrend: von der Palliativmedizin über die Chirurgie, die Psychotherapie und Diätberatung bis hin zu Quantified-Self-Technologien, also der Selbstvermessung von Vitalparametern.

So sieht das Sichtfeld eines Schwimmers mit Brille aus.

Bei Letzteren machte dieser Tage ein interessantes Joint-Venture von sich Reden. Die Kooperation des kanadischen Schwimmbrillen-Herstellers Form und des finnischen Fitness-Spezialisten Polar brachte eine Technologie hervor, die die Herzrate eines Leistungsschwimmers während des Trainings in Echtzeit ins Sichtfeld seiner Brille projiziert, wie das nebenstehende Foto zeigt. Der optische Pulssensor von Polar generiert die erforderlichen Daten.

Trainingsanalyse per iPhone

Nicht nur das: Nach dem Training und der Synchronisation mit einer Smartphone-App können Schwimmer und Trainer Zwischenzeiten, Schlagfrequenz, Schlagzahl, Tempo und Kalorienverbrauch analysieren. Die Brille soll im November zu einem Preis von 200 US-Dollar auf den Markt kommen, wie Venturebeat schreibt. Der Sensor kostet 80 US-Dollar, beides zusammen also umgerechnet 250 Euro.

Diese Kooperation zeigt, wie Technologie sportliche Aktivitäten und die Gesundheitsvorsorge unterstützen kann. Dass der Markt riesig ist, zeigt eine aktuelle Studie des Analyseunternehmens Canalys: Der Wearables-Markt in den USA ist im Jahresvergleich (Q2) um 38 Prozent auf zwei Milliarden US-Dollar gewachsen – angeführt von Apple, Fitbit und Samsung, die zusammen drei Viertel des Volumens abdecken.

Das größte Wachstum verbuchte nicht etwa die Apple Watch, sondern Samsung (plus 121 Prozent) mit seiner Galaxy Watch. Das neue Modell Active2 kommt pünktlich zur IFA am 6. September ab 299 Euro auf den Markt. Damit trifft Samsung das dynamischste Preissegment der Canalys-Studie. Dass Fitbit mit seiner Versa-Linie nicht Fuß fassen konnte, lag nach Meinung der Analysten an der geringeren Funktionalität dieser Uhr. Übrigens: Vier Tage nach dem Samsung-Launch gibt es unter dem Motto „By Innovation Only“ Neuigkeiten von Apple: Vielleicht ist ja die fünfte Uhrengeneration dabei?

Welchen Wert Nutzer auf die Funktionalität von Gadgets legen, zeigt sich bei der Apple Watch. Sie bietet seit März 2019 eine EKG-App, die lebensbedrohliches Vorhofflimmern frühzeitig erkennt. Auch wenn Apple keine Zahlen nennt: Die Verkäufe sollen seitdem sprunghaft gestiegen sein, schreibt das Branchenmagazin Maclife.

Solche Dienste zahlen sich für Hersteller aus. Datengetriebene Services werden in ihren Diagnosen durch den Zufluss neuer Daten immer besser. Und Dienste mit besseren Diagnosen finden immer größere Märkte. So funktioniert die Gelddruckmaschine der Data Economy.


Was berichtet Gründerszene über Digital Health?

  • Crowdfunding ist eine umstrittene Finanzierungsform. Wenn es ernst wird, gehen Investoren oft leer aus. Der Finanzdienstleister Aescuvest.eu will dieses Problem lösen: mit einer fachlich fundierten Vorauswahl der Projekte durch Experten, mit paneuropäischen Investmentangeboten und einem Wertpapier (Genussschein) das Investoren mehr Sicherheiten bieten soll. Die Crowdfundingplattform konzentriert sich auf Medizintechnik, Digital Health und Biotech. Erste Startups stehen schon Schlange und warten auf ein Investment, wie sich beim Launch in Berlin zeigte. Hier gehts zum Artikel.
  • Der Widerstand der Ärzte- und Apothekerschaft gegen Telemedizin bröckelt. Und seit August gibt es das elektronische Rezept auch in Deutschland offiziell. Solange die Rechtslage restriktiv war, wichen Startups ins Ausland aus, ließen dort Rezepte von Ärzten ausstellen und über Onlineapotheken liefern. Gerade im Bereich Frauen- und Männergesundheit war und ist das lukrativ. Das sehen wohl auch die Flixmobility-Gründer so. Sie haben in das Startup Spring investiert, das Männern im europäischen Ausland Potenzmittel beschafft. Mehr darüber lest ihr im Artikel.
  • Medizintourismus hat zumindest in Deutschlang ein umstrittenes Image, was vor allem an der vergleichsweise guten medizinischen Versorgung im Inland liegen dürfte. Dabei geht es nur darum, den besten Arzt zu finden, Wartezeiten zu verkürzen und Behandlungskosten zu sparen. Das ist die Mission der Ärztin Sophie Chung. Sie ist Gründerin und CEO von Qunomedical und hat mit mir über die Zukunft des Medizintourismus gesprochen. Hier ist das Video.

Und was war diese Woche sonst noch interessant?

Biotech-Forschern des Startups Insilico Medicine und der Universität von Toronto ist es gelungen, in nur 46 Tagen mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz und Maschinenlernen ein Molekül zu entwickeln, das ein Protein angreift, welches mit Fibrose (Bindegewebswucherung) in Zusammenhang stehen soll. Das lese ich im Technology Review des Masachussetts Institute of Technology (MIT). Die Forscher kamen nach einem Versuch mit Mäusen zu dem Schluss, dass es gegen das Protein wirksam ist und „medikamentenähnliche“ Eigenschaften aufweist. Gleichwohl ist der Weg zu einem Medikament noch weit,

Es ist zu früh, das Ende der herkömmlichen pharmazeutischen Forschung vorauszusagen. Aber dieses Experiment zeigt das Potenzial künstlicher Intelligenz, die in einigen Jahren millionenteure und jahrelange Forschung unterstützen oder sogar ersetzen könnte.

Jürgen Stüber schreibt bei Gründerszene über die digitale Gesundheitswirtschaft.

Bilder: Form