Geld verbrennen und verkaufen – Scooter-Startups nutzen ein altes Modell

Analyse . Ein gutes halbes Jahr nach ihrem Start in Deutschland erlebt die Scooter-Branche mit dem Verkauf von Circ an Bird einen ersten Verlust. Was bedeutet das für die Szene?

© NIKLAS STADLER | www.niklasstadler.at

Kopieren, skalieren, teuer verkaufen: Die Samwer-Brüder sind mit diesem Modell reich geworden. Und sie haben das Nachmachen bewährter Geschäftsmodelle salonfähig und über Jahre zum Aushängeschild der Berliner Startup-Szene gemacht – jedenfalls solange, bis es selbstbewusstere Gründer und couragiertere Investoren gab. Jetzt erlebt dieses alte Modell eine Renaissance.

Der Verkauf des Scooter-Startups Circ von Gründer Lukasz Gadowski an Bird Rides – gemessen an dem 623-Millionen-Dollar-Investment, der zweitgrößte Player weltweit – folgt dem alten Prinzip: Ein großes Vorbild aus den USA schluckt den kleinen Nachahmer aus Deutschland. Schnell sind so weitere Kunden gewonnen, ein neuer Markt erobert, ein erfahrenes Team an Bord geholt – und ein Konkurrent weniger im Spiel. Dass es zu der Übernahme von Circ kam, ist also keine Überraschung. Und es wird wohl auch nicht die letzte Marktbereinigung in diesem umstrittenen Geschäftszweig bleiben. Denn bis heute ist die Branche den Beweis schuldig geblieben, dass sich mit dem Verleih elektrischer Tretroller Geld verdienen lässt und dass dieses Verkehrsmittel überhaupt irgendein Problem löst.

Spaßgefährt für Touristen

Die Zukunft des Marktes ist in Deutschland offen. Ist ein schneller Verkauf an einen US-Player also die sichere Variante? Auch nach der Übernahme von Circ sind noch zu viele eigenständige Player im Markt. Allein in Berlin stehen weit mehr als 10.000 Scooter von mindestens fünf Konkurrenten die meiste Zeit auf den Gehwegen herum: von Lime (6.600), Bird, Tier (2.540), Voi (2.400) und Jump (der Zweirad-Marke des Taxidienstes Uber), so Berichte des Senders RBB und der Beratungsgesellschaft Civity. Andere Statistiken zeigen, dass elektrische Roller kaum mehr als ein Spaßgefährt für Touristen sind. Als solche werden sie – anders als von den Anbietern häufig beworben – nicht zur Reduktion von Treibhausgasen beitragen.

Dass nicht alle Anbieter den ersten deutschen E-Scooter-Winter überleben würden, sagten Branchenkenner schon im vergangenen Jahr voraus. Auf der sicheren Seite sind nur die mit reichlich Wagniskapital gesegneten Amerikaner. Nicht schlecht stehen auch die europäischen Eigengewächse Voi und Tier da. Sie hatten rechtzeitig Finanzierungsrunden klar gemacht, die sie über den ertragsschwachen Winter in die Saison 2020 trugen – Voi über 77 Millionen Euro und Tier über 55 Millionen Euro. Circ ist eine Anschlussfinanzierung nach der Finanzierungsrunde vom Januar 2019 über 55 Millionen Euro bekanntlich nicht gelungen – auch wenn der Gründer noch vor Tagen eine solche für Januar angekündigt hat.

Exit als Kalkül von Anfang an

Aber vielleicht war eine weitere Finanzierungsrunde für Circ gar nicht so wichtig. Einiges spricht dafür, dass das Kalkül von Vornherein darin bestand, billig zu investieren und dann angesichts der aussichtslosen Finanzierungsperspektive mit Aufschlag zu verkaufen.

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Zwar sprach Gründer Lukasz Gadowski noch vor kurzem gegenüber Gründerszene von Plänen für einen Börsengang in drei Jahren. Doch ob der jemals einem Scooter-Dienst gelingen wird, ist fraglich. Die Aussichten nicht profitabler Unternehmen auf einen guten Start auf dem Parkett sind seit dem Uber-Drama und dem Wework-Desaster fraglich. Der Zimmermarktplatz Airbnb verschob seine IPO Pläne immer wieder – zuletzt auf dieses Jahr. Auch die Performance des Kommunikations-Tools Slack ist alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Es braucht also viel Fantasie, um sich einen defizitären europäischen Player der Scooter-Branche an der Börse vorzustellen.

Für Lukasz Gadowski und seine Investorenkollegen von Target Global und Co. dürfte der Exit von Circ ein guter Tag gewesen sein. Zwar ist die Höhe des Deals nicht bekannt, sehr wohl aber, dass Bird mit Unternehmensanteilen bezahlte und gleichzeitig seine jüngste Finanzierungsrunde um 75 Millionen US-Dollar aufstockte. Die Investoren sind nun Teilhaber des weltweit zweitgrößten Scooter-Vermieters.

Noch im Juli 2019 hatte Gadowski prophezeit: „Es gibt viel Wettbewerb. Dabei muss die Branche erst noch beweisen, dass die Roller ein Geschäft sind. Das geht nicht, wenn 20 Anbieter miteinander konkurrieren.“ Damit hat er recht behalten. Er hatte also allen Grund zur Freude, als er am Montag dieses Posting auf Linkedin absetzte:

Bild: Circ / NIKLAS STADLER