Healthtech-Gründerin: „Es hätte mir nicht genügt, online Schuhe zu verkaufen“

Interview . Früher war Gloria Seibert Beraterin bei McKinsey, heute entwickelt sie mit ihrem Startup Temedica Therapie-Apps. Investoren finanzierten ihre Idee mit Millionen.

Gloria Seibert kann beruhigt ins neue Jahr starten: 17 Millionen Euro steckten Investoren Anfang Januar in ihr Startup Temedica. Zuvor hatten die 30-Jährige und ihr Mitgründer Clemens Kofler 2017 eine siebenstellige Summe eingesammelt.

Unter den Geldgebern des Startups ist die Verwaltungsgesellschaft MIG aus München, deren Investments als vielversprechend gelten – unter anderem investierte sie in das Startup Biontech, dessen Börsenpapier gerade als „heißeste Biotech-Aktie“ Deutschlands bezeichnet wird, und das Sensoren-Startup Konux, an dem auch Alibaba beteiligt ist.

Im Vergleich zu diesen Firmen ist Temedica noch unbekannt. Das 2016 gegründete Startup sitzt in München und entwickelt Therapie-Apps, etwa für Übergewichtige und Patientinnen mit Beckenbodenschwäche. Mit uns sprach Gründerin Seibert über ihre Pläne für ihr Startup, die Hürden des Gesundheitsmarktes und das Warten auf den Healthtech-Boom.

Gloria, auf eurer Website steht, dass es bereits mehr als 300.000 Gesundheits-Apps gibt. Wieso braucht es da noch mehr?

Wenn man genau hinsieht, sind die meisten dieser Apps klassische Lifestyle-Produkte. Sie sorgen dafür, dass der Nutzer sich im Idealfall etwas besser fühlt oder seine Fitness optimiert. Unser Anspruch ist aber, qualitativ hochwertige Apps auf medizinischer Basis zu entwickeln, die die Gesundheit unserer Nutzer dauerhaft verbessern. Und solche Produkte gibt es bislang nur vereinzelt.

Und eure Apps sind alle Medizinprodukte?

Sie sind entweder Medizinprodukte oder richten sich nach den Anforderungen vergleichbarer Richtlinien.

Von anderen Startups hört man, dass die Zulassung dafür unglaublich teuer ist und sehr lang dauert.

Ja, es ist wirklich schwierig. Ich halte das momentan für eine der größten Herausforderungen für Health-Startups. In anderen Branchen kann man mit einer kleinen Anschubfinanzierung vergleichsweise schnell ein erstes MVP (Minimum Viable Product, Anm. d. Red.) bauen und im Markt testen. Was nicht passt, kann man einfach und schnell nachbessern, im Zweifel das Geschäftsmodell auch nochmal umdrehen. Im Gesundheitsbereich ist das nicht so einfach, denn die Sicherheit des Patienten steht an erster Stelle. Es braucht von Beginn an viel Zeit und Ressourcen, um eine Idee so weit zu bringen, dass sie als echtes Produkt im Markt eingesetzt werden darf.

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Wie habt ihr das finanziell gestemmt?

Wir wussten von Tag eins, dass wir im medizinischen Bereich unterwegs sein wollen und was das finanziell bedeutet. Deswegen haben wir auch immer möglichst viel Budget für notwendige Prüfverfahren und Zertifizierungen einkalkuliert, wodurch wir an anderen Stellen, zum Beispiel im Marketing, sparen mussten. Unser Budget floss von Anfang an vor allem in die Produktentwicklung oder in medizinische Tests.

Ihr habt kürzlich 17 Millionen Euro eingesammelt. Was habt ihr damit vor?

Wir werden mit unseren bestehenden Produkte ins Ausland gehen und weitere Produkte entwickeln. Hierfür wird unser Münchner Team signifikant wachsen. Momentan sind wir 40 Leute, in ein paar Jahren sollen es 100 sein.

Ihr habt eine App entwickelt, die Übergewichtigen beim Abnehmen hilft und eine, mit der Frauen ihren Beckenboden trainieren können. Baut ihr die Anwendungen komplett selbst?

Entweder wir bauen die Produkte von der Idee über die medizinischen Inhalte bis zur Zulassung selbst, oder wir machen es zusammen mit Kooperationspartnern. Bei früheren Apps hatten wir zum Beispiel ein großes Forschungsinstitut dabei, das seit Jahrzehnten an der Erforschung einer spezifischen chronischen Erkrankung arbeitet. So konnten wir auf medizinische Expertise aus erster Hand zurückgreifen.

Zwei eurer Anwendungen werden von Krankenkassen erstattet. Ist das langfristig euer Geschäftsmodell?

There ain't no such thing as a free lunch, das trifft auch auf den Gesundheitsbereich zu. Unsere Produkte werden in der Regel von Krankenkassen oder dem Nutzer selbst gezahlt. Die Beckenboden-Trainings-App Pelvina kostet beispielsweise einmalig 75 Euro. Unser Ziel ist natürlich, dass ein Nutzer, der ohnehin schon ein Leiden hat, nicht zusätzlich noch zur Kasse gebeten wird.

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Du warst vorher Beraterin bei McKinsey. Wieso hast du diesen Job aufgegeben?

Als Beraterin habe ich vor allem große, etablierte Unternehmen kennengelernt. Nachdem ein Projekt zu Ende war, ging es für mich an eine neue Station. Mit der Gründung von Temedica wollte ich mal etwas von Anfang an aufbauen, sowohl strategisch als auch operativ. Thematisch war es mir vor allem wichtig, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Es hätte mir nicht genügt, den Tausendsten Online-Schuhversand aufzumachen. Es motiviert mich, dass wir einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität unserer Nutzer haben können.

Und daher hast du dich für den Gesundheitsbereich entschieden.

Genau. Als wir Ende 2015 mit Temedica starteten, war der Begriff Digital Health noch relativ unbekannt. Wir fanden das Thema aber sehr spannend, denn die Gesundheitsbranche ist die größte weltweit und hat unmittelbaren Einfluss auf das Wohlergehen der Menschen. Zudem empfand ich es als spannende intellektuelle Herausforderung, in einen hoch regulierten und damit sehr komplexen Markt einzusteigen. Inzwischen gibt es ja auch schon deutlich mehr Startups in dieser Branche.

Trotzdem haben E-Health-Startups noch nicht denselben Durchbruch geschafft wie etwa Fintechs. Viele Menschen nutzen heute Banking-Apps, Therapie-Apps sind noch eher unbekannt.

Wenn man sich die Entwicklung neuer Trends historisch ansieht, ist das ein ganz typisches Phänomen. Zuerst trifft die Innovation auf Branchen mit geringen Einstiegsbarrieren. Beispielsweise wurde der gesamte Einzelhandel in der Jahrtausendwende komplett digitalisiert. Danach schwappte die Digitalisierung auf andere Branchen über. Je regulierter und komplexer ein Markt, desto länger dauert es, bis sich eine neue Innovation etabliert. Der Fintech-Boom startete bereits vor einigen Jahren und der Digital-Health-Boom steht uns kurz bevor. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis wir im E-Health so große und erfolgreiche Player wie N26 sehen.

Wird ein solcher Player 2020 kommen?

Das wäre ein bisschen zu ambitioniert.

Bild: Temedica