Ricardo Bustos tourt mit dem Service-Fahrzeug durch Berlin, um die Roller zu warten.

Sie sind orangerot, bieten Platz für zwei und düsen geräuschlos durch die Häuserschluchten der Hauptstadt. Auch Ricardo Bustos, Mitarbeiter von eMio, fährt lautlos durch die Straßen – allerdings nicht mit dem Roller, sondern mit seinem E-Kleintransporter, um die Akkus der Scooter auszutauschen. In der Innenstadt Berlins sind seit vergangenem Jahr 150 Leih-E-Roller von eMio im Einsatz. Deutschlandweit hat das Startup die bisher größte Flotte an Elektro-Rollern. Mit den 6.000 Kunden, die den App-Leihservice à la DriveNow bisher nutzen, kommt ein enormer administrativer Aufwand hinzu. Denn die Flotte muss einwandfrei laufen – vor allem in der Hauptsaison, die seit April in vollem Gange ist.

Da die Roller, anders als E-Automobile, nicht an Ladestationen an der Straße aufgeladen werden können, müssen die Akkus per Hand gewartet werden. Dazu kommen Herausforderungen mit Verschleiß und Vandalismus.

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In jedem Roller stecken zwei austauschbare Akkus unter dem Sitz und zwei Helme für Fahrer und Sozius im Topcase. Im 10-Tages-Turnus werden alle 300 Akkus und nochmal so viele Helme kontrolliert, repariert und gegebenenfalls ausgetauscht. Ricardo Bustos ist einer von fünf Service-Mitarbeitern von eMio, die täglich während einer der beiden Sechsstunden-Schichten 15 bis 20 Fahrzeuge in der Stadt checken. An einem Tag können 30 bis 40 Fahrzeuge kontrolliert werden. Denn es steht bisher nur ein Service-Fahrzeug zur Verfügung. Bei einer Reichweite von etwa 100 Kilometern pro Ladung müsse jeder Roller aber auch nur alle drei bis vier Tage gewartet werden, sagt Bustos.

Der 26-jährige Chilene fährt erst seit März diesen Jahres für das Berliner Startup die Wartungstouren. Die Stadt kannte er vorher nur vom Hörensagen. Denn er ist erst einen Monat zuvor mit seiner Freundin nach Deutschland gekommen und hat sich vor Ort für diesen Job beworben. Die Festanstellung, die eine flexible Schichtplanung bietet, hat er gleich bekommen. „Es ist ein Job wie jeder andere auch – aber ich mag ihn“, erzählt Bustos in gebrochenem Deutsch und wechselt ins Englische. „Meine Chefs sind herzlich und setzen mich nicht unter Druck.“

In Chile hat Bustos Werbung studiert und würde irgendwann gerne wieder in dem Bereich arbeiten. Doch vorerst bestreitet er seinen Lebensunterhalt mit 40 bis 45 Stunden die Woche zum Mindestlohn. Das Einkommen werde aber mit der Zeit aufgestockt, betont eMio-Mitgründer Valerian Seither, der keine weiteren Angaben zum Lohn machen wollte. Die Versicherungsbeiträge des Fahrers übernimmt das Startup, Steuern zahlt Bustos wie jeder andere auch. Monatlich bekomme er zusätzlich 200 Freiminuten für die Roller und nutze diese auch fleißig mit seiner Freundin, wenn er nicht gerade mit dem Fahrrad unterwegs sei, sagt Bustos. Die Freiminuten entsprechen einem Gegenwert von etwa 38 Euro bei 19 Cent pro gefahrenem Kilometer.

„Kleine Kratzer – das bleibt nicht aus“

Bevor Bustos sich mit dem weißen E-Kleintransporter der Marke Nissan samt Austausch-Akkus, Helmen, Werkzeug und Zubehör auf den Weg macht, checkt er sein Tablet. Dass Bustos sich in dem Gewimmel der deutschen Hauptstadt zurechtfindet, ist vor allem der komplett digitalisierten Infrastruktur von eMio zu verdanken. Durch die im Roller verbaute Telematik-Einheit lässt sich via GPS einsehen, wo der Roller abgestellt wurde und wie voll der Akku ist.

Fleetbird, App, Backend, emio

Bustos checkt über Fleetbird welcher Roller als nächstes auf der Tour-Planung steht.

Liegt der Akku-Stand unter 20 Prozent, wird der Roller automatisch aus der Flotte, die der Kunde über die App sehen und buchen kann, herausgenommen. Die interne Koordination erfolgt für Bustos und seine Kollegen über Fleetbird, ein Backend-System, das von dem Berliner Startup bitAffect kommt. Über die Software-Lösung lassen sich die kürzeste Route für die Wartungs-Tour berechnen und weitere Informationen zum jeweiligen Roller abrufen.

Bei einem der Scooter auf der heutigen Tour, der in Berlin-Kreuzberg steht, soll einer der beiden Helme kaputt sein. Der Hinweis stammt vom letzten Kunden und ist im System vermerkt. „Kleine Kratzer – das bleibt nicht aus. Da geben wir jetzt nicht so viel drum. Schönheitsreparaturen bessern wir aus. Wenn allerdings jemand mit dem Roller fällt und die Verkleidung bricht, dann verfolgen wir den Schaden. Viele unserer Nutzer sind aber so fair und melden es selber“, sagt Seither. „Vandalismus gibt’s leider immer wieder, das nervt natürlich. Ist aber im Businessplan mit eingeplant.“ Die Selbstbeteiligung liegt bei 150 Euro. Bei größeren Schäden rückt das Werkstatt-Team mit einem Sprinter aus. Bustos kümmert sich aber nur um die kleinen Fälle, die sich vor Ort regeln lassen.

Das gebrochene Visier wird von Bustos schnell ersetzt. „Manchmal legen die Kunden die Helme falsch zurück in das Case. Beim Schließen des Koffers brechen dann die Visiere“, erzählt er aus Erfahrung. Ein weiteres Problem sind die Schrauben an den Visieren, die sich lockern. Die Helme sind die Schwachstelle bei der Hardware. Was die Software angeht, gibt es immer wieder Ärger mit der Internetverbindung der Tablets. Das Problem: Ohne Verbindung lässt sich das Helm-Case des Rollers nicht öffnen. Das koste manchmal unnötig Zeit, sagt Bustos.

Akkutausch

Die Akkus sind am einfachsten zu warten. Die Helme machen mehr Probleme.

Neben den Reparaturfällen wechselt er bei jedem Roller die beiden Akkus aus. Das ist innerhalb weniger Minuten erledigt, da die Austauschakkus unterhalb des Sitzes jeweils nur mit einem Kabel verbunden sind. Zum Kontrollgang gehört außerdem, den hygienischen Zustand der Helme zu checken. Im Case liegen neben den Helmen zusätzliche Stirn-Inlets. Die müssen eingesetzt und die gebrauchten entfernt werden, sofern der letzte Fahrer das nicht schon selbst übernommen hat.

Auf der Fahrt zum nächsten Roller hört Bustos Dream Theater, eine Metal-Band mit endlosen Gitarrensoli. Auch eines der Dinge, die er an seinem Job mag – er kann hören, was er will und die Gedanken während der Fahrt schweifen lassen.

Den Test zum E-Roller findet ihr hier.

Bild: Gründerszene und eMio