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Gründerszene-Redakteur Marco Weimer und Pilot Malte Hahm etwa 700 Meter oberhalb von Berlin.

Ein normaler Linienflug ist schnell gebucht, die Abfertigung am Flughafen hektisch und der Flug selbst ziemlich unspektakulär. Ganz anders geht es da mit einer kleinen Sportflugmaschine auf einem abgelegenen Flugplatz zu. Man geht es gemütlich an, beschäftigt sich mit der Technik des Flugzeugs und der Rundum-Ausblick ist mit dem eines Linienflugs kaum zu vergleichen.

Bisher fristeten Flüge mit privaten Flugzeugen ein Luxusdasein. Sowohl für den Hobby-Piloten als auch die Passagiere sind solche Flüge ein teurer Spaß, der hunderte Euro kosten kann. Warum also nicht die Kosten teilen? Ein Startup aus Leipzig hat sich dieses Sharing-Modell auf die Fahnen geschrieben. Wir haben die Vermittlung getestet.

Alles ist anders als an einem großen Flughafen

Als wir uns dem ehemaligen Militärflugplatz in Finow nähern, wird mir kurz etwas mulmig zumute – weniger wegen des anstehenden Fluges mit einer kleinen Propeller-Maschine als aufgrund des ungewöhnlichen Ambientes. Entlang der Rollbahn stehen ein Dutzend riesiger, bewachsener Flugzeugbunker, die kurz vor dem zweiten Weltkrieg gebaut und noch bis 1993 mit russischen Kampffliegern besetzt waren. Heute verbergen sich hinter den kolossalen Stahltüren kleine Sportflugzeuge. Eines davon hat Malte Hahm gechartert, eine Piper PA-28.

Flugzeugbunker

Hinter diesen Toren waren früher MiG-Kampflugzeuge stationiert.

Bevor es losgehen kann, prüft Malte das Flugzeug: Er schaut sich den Propeller an, checkt die Tragflächen und wirft einen Blick in den Motorraum. Dabei erzählt er, wie er vor Kurzem erst ein älteres Pärchen für einen Rundflug mitgenommen habe. Die Buchung und Absprachen hat er über die Flugvermittlung Flyt.club geregelt. In diesem Fall sei alles einwandfrei verlaufen. Alle Beteiligten seien sehr zufrieden gewesen. Manchmal komme es aber vor, dass die Leute anfangen, über Flugzeitpunkt, Personenanzahl und die Kosten zu verhandeln. Das nervt ihn: „Ich bin kein Flugbetrieb. Es ist ein Mitflug“, betont Malte.

Wie die anderen rund 700 registrierten Piloten organisiert auch Malte seine Flüge aus freien Stücken. Geld verdienen lässt sich mit solchen Flugvermittlungen nämlich nicht. Dafür sorgt die Plattform, die nach dem Flug eine Ausgabenübersicht anfordert, damit keine gewerblichen Einkünfte erzielt werden und Steuern anfallen. Andernfalls dürfte Flyt.club oder auch Wingly einen solchen Service nicht anbieten.

„Ein privater Charterflug kostet richtig viel Kohle“, sagt Malte. Ein einstündiger Rundflug über Berlin kommt mit Treibstoff, Charter-, Lande- und Parkgebühren hochgerechnet auf etwa 300 Euro. Mich kostet der Flug jedoch nur 88 Euro. Zehn Prozent bekommt Flyt.club, den Rest der Pilot. Malte könnte also mit einem vollbesetzten Flug 240 Euro einsparen:  „So ein Mitflug ist da natürlich eine finanzielle Erleichterung fürs Hobby.“ Bisher hat der Berufspilot nur zwei private Flüge mit Mitfliegern unternommen. Trotz der bisher geringen Nachfrage sei er aber vom Sharing-Prinzip überzeugt.

Buchung

Die Buchungsoberfläche bei Flyt.club zeigt Flugroute und Infos zum Piloten.

Die Absprachen sind zeitaufwendig

Bevor ich mit Malte in Kontakt getreten bin, habe ich mich auf der Seite des Leipziger Startups nach Flügen in der Umgebung Berlins umgesehen. Allzu viel Auswahl gibt es bisher nicht. Auch was die Flugzeiträume anbelangt, muss man sehr flexibel sein. Als ich auf Maltes  Inserat „Rundflug über Berlin“ klicke, ist noch kein Datum angegeben. Erst nachdem ich ihn anschreibe, schickt er mir ein paar mögliche Flugtage. Wir einigen uns, die Uhrzeit gibt er allerdings vor. Das Geld überweise ich vorab.

Dann fällt mir plötzlich auf: Wie komme ich eigentlich nach Finow Eberswalde, das etwa 50 Kilometer außerhalb der Stadtgrenze liegt? Ohne Auto ist der Flughafen mit den Öffis nur umständlich zu erreichen.

Die Privatflüge finden grundsätzlich von kleineren, abgelegeneren Flugplätzen statt. Malte bietet mir eine Mitfahrt an. Gegen einen kleinen Obolus teilen wir also nicht nur das Flugzeug, sondern auch das Auto. Hier wäre es generell wünschenswert, wenn Flyt.club auch gleich einen Service für die Anfahrt mit anböte.

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Mein erster Flug fällt ins Wasser

Voller Vorfreude erreichen wir den Flugplatz. Doch dann das: Nieselregen. Über der Rollbahn hängt eine blickdichte Wolkendecke. Malte hat damit nicht gerechnet. Laut Wetterbericht sollten wir klare Sicht haben und auch in Berlin schien die Sonne, als wir losfuhren.

Nach zweistündiger Wartezeit geben wir schließlich auf und treten die Rückreise an. Ein Manko, auf das die Flug-Plattformen allerdings hinweisen, ist, dass Flüge bei schlechter Sicht nicht stattfinden können. Und schließlich wolle man ja auch etwas von der Landschaft sehen, sagt Malte.

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Der Flug wird auf unbestimmte Zeit verschoben. Ich frage mich, was nun mit meinem Geld passiert. „Erst wenn wir sicherstellen können, dass der Flug auch stattfand, bekommt Malte sein Geld von uns überwiesen“, schreibt mir Peter Nürnberger, Mitgründer der Flugvermittlung. Hätte Malte den Flug abgesagt, anstatt ihn zu verschieben, bekäme ich das Geld automatisch zurückerstattet. Generell sei es so, dass sowohl der Mitflieger als auch der Pilot den Flug jederzeit absagen könnten.

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Mit dieser Piper sind wir eine Stunde über Berlin geflogen.

Das Beste kommt zum Schluss

Knapp einen Monat später finden Malte und ich einen neuen Termin. Dieses Mal läuft alles wie geschmiert. Das Wetter passt und auch Malte ist bester Laune. Nachdem der Flugzeug-Check abgeschlossen ist, geht es auch schon los. 700 Meter oberhalb von Berlin gibt es viel zu entdecken und selbst die Landung mit der gerade mal eine Tonne schweren Maschine verläuft geschmeidig.

Das Warten, die aufwendigen Absprachen und der zweite Anlauf haben sich letztlich gelohnt. Schließlich ist es ein Erlebnis, das man teilt und kein hektischer Linienflug. Am nächsten Tag bekomme ich von Flyt.club eine Nachricht, die um ein Feedback bittet. Ich kann Malte eine kurze Bewertung schreiben.

Ein richtiges Bewertungssystem mit einer Punktvergabe gibt es allerdings nicht. Manch ein Mitflieger, der gerne wissen möchte, ob der Pilot umsichtig ist, alles erklärt und sicher landet, dürfte wohl eine Übersicht mit festen Kriterien bevorzugen. Wer zeitlich wenig flexibel ist und von A nach B reisen möchte, ist bei normalen Linienflug-Gesellschaften wohl besser aufgehoben. Mitflieger sollten sich bewusst sein, dass Flyt.club und Wingly vor allem Vergnügungsflüge anbieten und weniger eine Alternative zu Linienflügen darstellen.

Im Video bekommt ihr einen Eindruck von unserem Flug: