Die Infotainmentsysteme sollen in Zukunft Geld in die Kassen der Hersteller spülen.

Die Front zieht sich durch das Armaturenbrett und hat als sichtbare Markierung das große Display in der Mitte. Genau hier wird sich in Zukunft entscheiden, wer Geld verdienen wird und wer nicht. Schon 2025 sollen knapp 50 Prozent des Umsatzes bei Audi aus digitalen Dienstleistungen und Apps erwirtschaftet werden. Das Infotainmentsystem soll vor allem bei autonom fahrenden Autos die Unterhaltungszentrale für gelangweilte Passagiere sein. Gleichzeitig sammeln sich durch die Nutzung der verschiedenen Apps und der vielen Fahrten jede Menge Daten an, die man gewinnbringend verkaufen oder anderweitig einsetzen kann.

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Es ist ein milliardenschwerer Markt, der gerade entsteht und die Autoindustrie vor enorme Herausforderungen stellt. Einerseits will man das Feld nicht Apple oder Google überlassen, die ihrerseits massiv in den Markt drängen, teilweise ja schon mit eigenen Fahrzeugen. Andererseits haben die Autobauer kaum die Möglichkeit, die Welt und das Internet neu zu erfinden. Gleichzeitig wächst dann auch die Komplexität der Betriebssysteme der Autos. Schon jetzt stecken mehr Codezeilen in einem Auto, als in einem Flugzeug oder in Computerbetriebssystemen wie Windows 10. Die Pflege des Codes bindet mehr Fachkräfte und Geld, als den Herstellern lieb ist. Und weniger wird es dank der wachsenden Forderungen nach Vernetzung auch nicht.

Bisher arbeiten die Hersteller mit geschlossenen Systemen. Sie sind also die Türwächter und achten peinlich genau darauf, dass auch niemand einen Blick hinter die Kulissen wirft. Das ist einerseits verständlich, denn hier geht es auch um Sicherheitsfragen. Niemand möchte, dass sich ein Hacker ins Bremssystem einloggt. Andererseits bremst die „closed door“-Politik die Hersteller im Kampf mit Apple und Google aus. Und sie macht es Startups aus Deutschland unmöglich, einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Bestes Beispiel dafür ist das Berliner Startup Re2You. Seit zwei Jahren versuchen Ghazaleh Koohestanian und Stephan Plank ihre patentierte Technologie eines „CloudOS“ der Autoindustrie schmackhaft zu machen. „Wir waren bei allen großen deutschen Herstellern, teilweise mehrfach. Das Interesse war immer da, aber lange scheiterte es einfach daran, dass die Hersteller nicht die technischen Voraussetzungen hatten, damit wir loslegen konnten,“ so die Gründerin. Mittlerweile hat Re2You die ersten Großaufträge erhalten, aber es war ein langer Weg.

Die Hersteller selber merken, dass es langsam eng wird und reagieren. BMW startete vor wenigen Wochen den Versuch, zusammen mit der Plattform IFTTT („If This Then That“ – wenn dies dann das) dem Kunden mehr Möglichkeiten zu schaffen. So lassen sich versuchsweise bestimmte Apps für die Steuerung des Smart Homes einfach aus dem Infotainmentsystem starten. IFTTT ist eine Möglichkeit, die vielversprechend klingt, sich aber gleichzeitig nur an bestehende Anbieter richtet, die schon ein komplettes technisches Ökosystem haben.

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Gerne hätten die Hersteller einen Appstore, so wie bei Apple. Doch bisher köchelt jeder sein eigenes Code-Süppchen. Abhilfe könnte hier ein offenes Betriebssystem für Infotainmentsysteme schaffen, das über Schnittstellen für externe Programmierer verfügt. Es lassen sich leichter Programmierer finden, wenn man eine App nur einmal programmieren muss, statt für den jeden Hersteller wieder neu.

Tatsächlich gibt es ein solches System seit 2007. Genivi heißt die Plattform, dahinter steckt ein offenes System, das auf Linux basiert. Es bietet Schnittstellen, eine App-System und soll leicht zu adaptieren sein. Doch die Liste der Unterstützer aus der Industrie ist kurz. BMW, Daimler, Bosch und Continental interessieren sich aus deutscher Sicht zwar für das System. Aber nur BMW hat 2013 für lediglich ein Modell bestimmte Funktionen aus Genivi übernommen.

Das ist vor allem schlecht für deutsche Mobility-Startups, von denen es schon eine ganze Menge gibt. Egal ob es sich um Parkplatzsuche, die Anschlussmiete von E-Rollern oder die Reservierung in einem Restaurant handelt – das ließe sich alles aus dem Infotainmentsystem des Autos steuern und erledigen. Wenn denn die offenen Schnittstellen da wären.

Die Konsequenz ist: Je länger sich die Hersteller gegen eine Öffnung ihrer Systeme sperren, desto mehr weniger Chancen haben Startups mit innovativen Ideen die Märkt zu besetzen. Und am Ende muss die Autoindustrie dann doch Apple oder Google das Feld überlassen – die dann ihrerseits entscheiden, welche Services in die Fahrzeuge kommen und welche nicht.

Bild: Audi AG