Will nicht nur Autobauer sein: Volkswagen-CIO Martin Hofmann

Es müssen ja nicht immer Investments sein. Anders als viele andere deutsche Konzerne, die in den vergangenen Monaten bei Startups auf Inspirationssuche gegangen sind, will die Wolfsburger Volkswagen-Gruppe nicht über einen VC-Arm, einen eigenen Inkubator oder ein Accelerator-Programm verstärkt mit Startups zusammenarbeiten. Wohl auch, weil solche Programme selten Erfolgsgeschichten hervorbringen.

Stattdessen soll es zuerst einmal um Kooperationen gehen, erklärt Volkswagen-Technikchef Martin Hofmann im Gespräch mit Gründerszene. „Startups brauchen von Industrieunternehmen Aufträge, kommerzielle Verträge, Partnerlogos und vor allem Pilotumgebungen für Praxistests.“ Dafür stellt Volkswagen parallel zum bestehenden Data-Lab in München und dem Digital-Lab in Berlin gerade ein neues Team zusammen: mit Mitarbeitern aus dem Vertrieb, der IT, dem Datenschutz, dem Rechtswesen und dem Einkauf.

„Wir haben zudem einen Prozess entwickelt, den wir Fast Track nennen: Wenn wir ein Startup mit einer interessanten Technologie finden, dann kümmert sich das Team um sehr schnelle Bewertung, ebenso um kommerzielle Themen.“ Ziel sei es, dass nach einem konkreten Produktvorschlag vom Startup innerhalb von 14 Tagen bis maximal drei Wochen „alles durch ist“, verspricht Hofmann.

Damit meint er die Klärung von Fragen etwa hinsichtlich Datenschutz, Lizenzen oder Verträgen. „Wir sind dann sofort in der Lage, die Arbeit mit dem Startup aufzunehmen.“ Vor allem seien die Mitarbeiter in dem neuen Team auf Startups eingestellt: Ihnen sei bewusst, dass dort wenig Cash und limitierte Ressourcen vorhanden seien und dass es keine langen Verhandlungen und Pilotphasen geben dürfe. „Das würde ein Startup lähmen“, weiß der Volkswagen-CIO.

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Um Ideen zu finden, gibt es ein eigenes Scouting-Team. Außerdem sollen die einzelnen Einheiten des Konzerns ihre Augen offen halten und Input liefern. Sobald sie ein interessantes Unternehmen finden, würde alles an das neue Fast-Track-Team übergeben, sagt Hofmann.

Bislang hatte sich Volkswagen mit digitalen Angeboten abseits von reinen Konzepten eher zurückgehalten – während Tesla mit einem gänzlich digitalen Geschäftsmodell glänzt oder Ford in Großbritannien sein intelligentes Parksystem bereits in der Praxis testet. Zwar hatte der Wolfsburger Konzern 2011 durchaus den richtigen Riecher, als der Carsharingdienst Quicar gestartet wurde. Doch das Projekt wurde nicht einmal halbherzig vorangetrieben – 80 Fahrzeuge kamen auf die Straße, und das auch nur in Hannover. Zum Vergleich: Die Daimler-Tochter Car2Go setzt mehr als 3.500 Fahrzeuge in Deutschland ein.

Anfang dieses Jahres wurde Quicar vollständig eingestellt. Man verstand sich in Wolfsburg in den vergangenen Jahren offenbar deutlich mehr als Hersteller, kaum als Dienstleister. Das soll sich nun ändern. „Wir interessieren uns für das gesamte digitale Spektrum“, versichert Martin Hofmann.

Zu gehypten Wettbewerbern Tesla oder Uber will er sich zwar nicht im Detail äußern. Dennoch zollt er dem disruptiven Ansatz Travis Kalanicks oder Features wie Over-the-air-Updates beim Unternehmen von Elon Musk Respekt – im vergangenen Jahr hatte der kalifornische Elektroautobauer seinem Model S auf diese Weise sogar das autonome herbeifahren („Summon“) beigebracht. Wenn er sich drei Errungenschaften von Tesla aussuchen dürfte, die Volkswagen in zwei Jahren umgesetzt haben könnte? „Vollautonomes Fahren, voll elektrisch, und das Ganze mit einem Ökosystem, das iTunes ebenbürtig ist“, sagt der VW-Mann. Was genau er bei Letzterem im Sinn hat, verrät er allerdings nicht.

Bei den Startups, die die neue Einheit zum Volkswagen-Konzern holen soll, sucht Hofmann währenddessen vor allem nach einem: Software, die läuft. Das sei es, worum es bei Digitalisierung am Ende geht. „Es muss eine Brücke gebildet werden zwischen Algorithmen, Daten und der physischen Welt.“ Als IT-Verantwortlichem gehe es Hofmann hauptsächlich darum, „mehr Use Cases aus der Hardware herauszuholen“.

Wie wichtig bei der Startup-Suche der Blick ins Silicon Valley sei? Zwar gebe es auch in Deutschland echte technologische Stars. „Es könnten aber deutlich mehr sein. Hätten wir hier genug, müssten wir Techs nicht immerzu in Kalifornien suchen.“ Die Schuld liegt aus Sicht Hofmanns gleichermaßen bei Gesellschaft und Staat, was der Problematik einen recht gravierenden Anstrich gibt: Neben Neid und Schadenfreude gegenüber gescheiterten Gründern bemängelt er das Fehlen einer kraftvollen Gründerkultur und wenig Förderung. „Um das zu ändern, brauchen wir einen langen Atem.“

Bild: Volkswagen