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Der Automobil-Markt ist kein Ponyhof – Entwicklerin mit Einhorn auf dem Schreibtisch.

„Na, junger Mann, wo soll‘s denn hingehen?“, begrüßt der Torwächter. Wer knapp unter Dreißig ist und weder Schlips noch Anzug vorweisen kann, muss beim Volkswagen-Event in der Fernsehwerft Berlin erst einmal das Wachpersonal überzeugen, nicht die Gäste zu stören.

So amüsant wie der Einlass ist auch die Party. Manager und Geeks teilen sich die Bühne. Das neue Digital-Labor des Autobauers soll präsentiert werden. Das Ambiente: Industriehalle, Apple-Vollausstattung, Einhorn-Kuscheltiere am Schreibtisch. Der Autobauer kann auch Startup. Das ist zumindest die klare Botschaft. „Silicon Valley ist kein Ort, sondern eine Geisteshaltung.“

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Trotzdem prallen im VW-Digital-Lab zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite: Konservative Unternehmenskultur und die Ansicht, VW sei noch immer ein Unternehmen, das lediglich Blech verschraubt. Auf der anderen: Programmierer in Themen-Shirt und Hoodie, die Google – und nicht Tesla – für die große Gefahr halten. Nicht ganz überraschend flüstert ein Anzugträger während der Software-Präsentation im Publikum: „Ich versteh‘ nur Bahnhof.“

Die bunten Hunde aus Berlin

Zumindest die Führungsebene scheint aber mittlerweile erkannt zu haben, dass es beide Welten braucht – auch wenn die Entstehung des Labs im Konzern für einige Unruhe gesorgt hat. Wie aus Unternehmenskreisen zu hören ist, gebe es teils große Vorbehalte gegen die „Playstation spielenden bunten Hunde aus Berlin“, formuliert es einer, der für den Konzern arbeitet.

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Woran VWs Startup-Abteilung derzeit genau werkelt, wird auf der Veranstaltung allerdings kaum deutlich – und das aus gutem Grund. Denn statt innovative Produkte zu präsentieren, muss Volkswagen erst einmal die Konkurrenz einholen. So entwickelt das Team derzeit vornehmlich iOS-Apps für Probleme, die andere Startups teils schon seit Jahren gelöst haben. Tankstellen-Radar oder Parkhaus-App sind keine Vorzeige-Produkte, heißt es intern. Nichts womit man 2016 noch Werbung machen will. Trotzdem braucht VW diese Software im Portfolio. Anwendungen, die direkt im Auto verbaut werden, sind im Digital-Lab bisher noch nicht in der Entwicklung. Im Münchner Data-Lab von VW ist man da schon weiter. Dort will man in Echtzeit in der Innenstadt entstehende Staus erkennen. Digitale Verkehrsschilder sollen dann Autos so umlenken, dass sie auf alternative Routen ausweichen.

Aber auch wenn Volkswagen der Konkurrenz in der Softwareentwicklung hinterherhinkt: Die Gründung des Labs ist ein Schritt in die richtige Richtung, will der Autokonzern bei den Zukunftsthemen vernetztes und autonomes Fahren, vorausschauende Instandhaltung und künstliche Intelligenz überhaupt noch mitreden und mitverdienen.

Zumindest der Beste sein

Denn neben Tesla dürften Google und seine Algorithmen ein mächtiger Konkurrent werden. Ein Konkurrent, der dem Autobauer in der Softwareentwicklung weit voraus ist. Lediglich in einem Punkt haben die VW-Entwickler bislang die Nase vorn: Sie sitzen auf einem riesigen Datenschatz zum Thema Mobilität. Weltweit fahren Abertausende Sensoren auf vier Rädern für VW durch die Straßen, die weit genauere Daten liefern, als Google sie je bekommen kann. Dass sich Staus bilden, können die Autobauer dank integrierter Annäherungssensoren beispielsweise sehr viel sicherer erkennen, als Google mit seiner vergleichsweise ungenauen Ortung von Smartphones.

Das Digital:Lab von Volkswagen

Ob das Digital-Lab diesen Datenschatz nun heben und für User zugänglich machen kann, wird sich zeigen. Denn auf dem digitalen Markt gilt: Wenn man schon nicht der Erste ist, muss man zumindest der Beste sein.

Bild: Alex Hofmann / Gründerszene