VC-Szene, Venture-Capital-Szene, Geschichte

Sucht ein StartUp heutzutage nach Kapital, steht Venture-Capital meist ganz oben auf der Liste der Möglichkeiten. Denn die Gründer wissen: Ein passender Investor bringt neben Geld auch Wissen ins Unternehmen. Doch war Venture-Capital auch vor zehn Jahren schon eine bekannte und beliebte Finanzierungsform? Olaf Jacobi, Partner beim Münchner Venture-Capital-Investor Target Partners (www.targetpartners.de), zeigt in seiner Gründerszene-Kolumnenreihe, wie der Venture-Capital-Markt in Deutschland aussieht.

Der vorhergegangene Kolumnenbeitrag über das Who-is-who der deutschen Venture-Capital-Szene bestätigte einmal mehr, was bereits die ersten beiden Kolumnenbeiträge über die Marktentwicklung und die Zahlen und Fakten gezeigt hatten: Der deutsche Venture-Capital-Markt befindet sich noch im Aufbau. Doch war das auch schon zur Jahrtausendwende und damit zur Zeit der „New Economy“ so? Wie sah der Venture-Capital-Markt damals im Vergleich zu heute aus?
2000 – das Jahr des Umbruchs.

Zur Jahrtausendwende boomte der Neue Markt: Der NEMAX-Index stand bei fast 8.000 Punkten – zum Vergleich: am Ende des Börsenbooms lag er nur noch bei 350 Punkten. In der Folge der wachsenden „New-Economy“ gab es überdurchschnittlich viele IPOs (Börsengänge) von Venture-Capital finanzierten Unternehmen. Dies wiederum ließ neue Venture-Capital-Gesellschaften wie Pilze aus dem Boden sprießen. So existierten um die Jahrtausendwende weit über 100 Venture-Capital-Unternehmen in Deutschland.

Blinder Aktionismus im VC-Segment

Es war eine Zeit der Euphorie – mit drastischen Folgen für den Bereich „Unternehmensbeteiligungen“: Venture-Capital-Investoren finanzierten zum Teil unüberlegt StartUps. Sie zielten dabei vor allem auf schnelle Exits ab, nicht aber auf nachhaltige Business-Modelle und Technologien. So investierten sie oftmals in Finanzierungsrunden mit überhöhten Bewertungen für Geschäftsmodelle oder Produkte, die zum Zeitpunkt des Investments nur auf Powerpoint-Folien existierten.

Auch die Fonds-Manager agierten riskant: Sie verteilten ihr Geld an neue Venture-Capital-Teams, ohne dass diese ihr Können bereits bewiesen hätten. Und selbst private Anleger ließen sich von der Euphorie mitreißen und investierten blind und ahnungslos in Aktien.

Die Blase wuchs und wuchs – und platzte anschließend, in Deutschland besonders laut. Das Ergebnis: eine Tabula rasa, der bis dahin noch jungen deutschen Venture-Capital-Szene in den Jahren 2001 bis 2004. Nur wenige der über 100 Venture-Capital-Gesellschaften überlebten – wie wenige, das zeigt der Kolumnenbeitrag über die Zahlen, Daten und Fakten.

10 Jahre später: VCs erfahrener und professioneller

Einen euphorischen Lemminge-Effekt wie vor zehn Jahren wird es heute wohl nicht mehr geben, denn alle Beteiligten – ob Unternehmer, Business-Angel, Venture-Capitalist oder Fond-Investor – haben aus dem damaligen Hype gelernt. Die Investoren, die die Tabula rasa überstanden und sich heute etabliert haben, handeln wohlüberlegt und vertrauen auf ein dichtes und erfahrenes Netzwerk von Industrie-Experten, die mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Die Venture-Capital-Szene ist enger zusammengerückt – man kennt sich und tauscht sich aus. Und der Markt ist professioneller geworden: Die Investoren führten in den vergangenen Jahren qualifizierte Prozesse ein. Auch auf Seiten der Unternehmer stiegen die Erfahrungswerte. Heute gibt es weitaus mehr Serial-Entrepreneurs als noch vor zehn Jahren. Viele Gründer bauen bereits zum zweiten oder dritten Mal ein Unternehmen auf.

Das gesamte Ökosystem aus Unternehmern, Inkubatoren, Business-Angels und Venture-Capital-Investoren wächst und lernt also. Und es wird mit jeder Unternehmer- und Venture-Capital-Generation reifer und professioneller. Der kommende Kolumnenbeitrag vergleicht die deutsche mit der US-amerikanischen Venture-Capital-Szene.

Bildmaterial: Kconnors