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Gründer Roman Kirsch landet auf Platz 1 des Gründerszene-Rankings 2016: Sein Startup Lesara wächst am schnellsten. (Bilder: Chris Marxen)

Sein Arm steckt bis zum Ellbogen in einem hölzernen Plumpsklo. „Das ist wie im Startup hier, man muss auch mal richtig tief in die Scheiße greifen“, seufzt Roman Kirsch. Er wühlt weiter, zieht Schaumstoff-Stückchen aus der Toilettenattrappe. Dann hat er genug, steht auf und durchsucht Fässer, Kisten und die dunklen Ecken des Verlieses. Schließlich entdeckt der Lesara-Gründer den richtigen Schlüssel: Damit kann er seine Mitstreiter von der Wand losketten.

Bei dem Exit-Spiel in Berlin-Mitte ist das Ziel, eine versteckte Krone zu finden. Dafür müssen sich die Spieler innerhalb von 66 Minuten aus dunklen, muffigen Räumen befreien, indem sie gemeinsam Rätsel lösen. Ein Kampf gegen die Zeit. Aber Roman Kirsch interessiert vor allem eines: „Was ist der Rekord?“ Das will ihm der Spielleiter erst am Schluss verraten, aber er macht klar: Leicht wird es nicht, die Bestzeit zu knacken. Das spornt an.

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Roman Kirsch mit Mitarbeiterin Veronika Strotmann und Redakteurin Christina Kyriasoglou beim Exit-Spiel

Er liebt das hohe Tempo

„Alles muss für etwas gut sein“, Kirsch denkt laut und begutachtet die Knochen, die er in der Hand hält. Nur wofür? Die Uhr tickt. Der Gründer sucht intensiv nach Hinweisen. Leise berät er sich mit einer Kollegin. Plötzlich hat sie einen Geistesblitz. „Du hast recht!“, stimmt Kirsch zu. Die Tür zum nächsten Raum springt auf.

Der 28-Jährige liebt das hohe Tempo, es zieht sich durch sein Leben und sein Startup. Kirsch, der schon am Gymnasium zwei Schulklassen übersprang, hat gemeinsam mit Robin Müller und Matthias Wilrich im September 2013 den Onlineshop Lesara gegründet. Darüber verkaufen sie Kleidung und Dekoration für zu Hause. Die Zielgruppe soll alle umfassen, die offline bei H&M oder Primark einkaufen. Vor allem sind es Frauen zwischen 25 und 65 Jahren.

Lesara will sich dabei von anderen Anbietern abheben – zum einen durch sehr niedrige Preise: Viele Kleider bekommt man für 15 Euro, T-Shirts mit Aufdruck kosten zehn Euro. Zum anderen soll Schnelligkeit in der Wertschöpfung helfen. Das Startup kooperiert mit chinesischen Lieferanten, die Produkte innerhalb von zehn Tagen nachliefern können. „Der einzige Weg, schneller aufzustocken, ist hier alles mit dem 3-D-Drucker auszudrucken“, scherzt Kirsch.

01 – LESARA

Wachstumsrate: 1.425%
Gründungsjahr: 2013
Firmensitz: Berlin
Branche: E-Commerce
Webseite: www.lesara.de

Auf Zwischenhändler verzichtet Lesara komplett. Das Startup unterhält Standorte im chinesischen Guangzhou und in Shenzhen, wo sich etwa 50 Mitarbeiter um die Qualitätskontrolle und die Logistik kümmern. Durch die direkte Zusammenarbeit mit den Herstellern könne man die Ware zu Großhandelspreisen anbieten, 80 Prozent günstiger als im traditionellen Handel, heißt es.

Die Zulieferer produzieren für Lesara geringere Stückzahlen als üblich. Das Startup probiert erst aus, welche Ware sich gut verkauft. Was nicht funktioniert, wird nicht nachbestellt. Insgesamt soll so Geld gespart und weniger Ware weggeworfen werden.

Drei Jahre nach dem Start ist Lesara heute in fünf Sprachen und 23 Ländern aktiv. Das Startup ist stark gewachsen, der Umsatz stieg nach eigenen Angaben im Jahr 2015 um 500 Prozent, für 2016 rechnet man noch mit 250 Prozent. Laut Branchenexperten lag der Umsatz im Jahr 2015 bei 30 Millionen Euro. Von Lesara heißt es, man kommuniziere keine konkreten Zahlen, die Schätzung sei aber ungefähr realistisch. Und: „Letztes Jahr in der Vorweihnachtszeit haben wir knapp 40.000 Produkte pro Woche verschickt, dieses Jahr sind es über 100.000 pro Woche.“

Mit Helene-Fischer-Masken zum Notar

Um das schnelle Wachstum zu finanzieren, haben die drei Gründer mehr als 20 Millionen Euro Risikokapital eingesammelt. Die Notarbesuche hat das Team dabei gern mit Humor genommen. Roman Kirsch erzählt, dass sie zu einem Termin für eine frühe Finanzierungsrunde vor ein paar Jahren viel zu spät dran gewesen seien, schließlich mit Helene-Fischer- und Ryan-Gosling-Masken in den Raum gestürmt seien. Danach folgte stundenlanges Verlesen der Verträge. „Wir haben uns gegenseitig mit Keksen beworfen und Liegestützen gemacht, um wach zu bleiben.“

Zu den großen Geldgebern gehören heute der Investmentarm des Thermomix-Herstellers Vorwerk und verschiedene Venture-Capital-Geber, zum Beispiel Mangrove aus Luxemburg, der Berliner Investor Cherry Ventures oder das französische Partech.

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Mittlerweile klingt professionell, was Ende 2013 noch improvisiert war. Die Gründung? Eine Hauruck-Aktion. „Wir haben mit fünf ukrainischen Programmierern Tag und Nacht in einer Jugendherberge gecoded, nach sechs Wochen war die Seite dann live“, erinnert sich Kirsch, der seitdem auch Geschäftsführer von Lesara ist. Mitgründer Matthias Wilrich ist COO und kümmert sich um die operativen Dinge, während CTO Robin Müller für die gesamte Technologie verantwortlich ist.

Heute sitzen die Gründer mit ihrem Team in einem türkisfarbenen Büro in Berlin Prenzlauer Berg. In einem gläsernen Meetingraum beraten sich Müller und Kirsch mit der Marketingdirektorin, es geht um die mobile Webseite und ihr Design. Roman Kirsch hat zahlreiche Punkte im Kopf, die er besprechen möchte. Unterlagen hat er nicht dabei. Während des 45-minütigen Treffens stellt er eine Frage nach der nächsten, ruhig und fokussiert. „Roman ist der Visionär bei uns“, sagt CTO Müller später. „Die richtigen Fragen stellen kann er besonders gut.“ Er selbst und Matthias Wilrich kümmerten sich vor allem um die Strukturen.

Kirsch sieht darin eine Stärke seines Gründerteams. „High Energy, das bin ich. Ich habe immer eine positive Grundeinstellung. Ich treibe Leute an, mag es, sie weiterzuentwickeln, und kann sie hinter einer Idee vereinen.“ Müller und Wilrich hielten dabei die Balance, erklärt Kirsch. „Es gibt superviel, was ich nicht gut kann. Aber ich kann die richtigen Leute dafür finden.“

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