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Das Billigmode-Startup Lesara von Roman Kirsch wächst besonders schnell

Ein Gastbeitrag von Julian Kawohl, Professor für Strategisches Management und Case Studies an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft.

Ökonomisches Wachstum entzweit schon seit je die Experten. Für die einen bedeutet es Fortschritt, Innovation und Skalierung. Die andere Seite argumentiert mit Ressourcenverbrauch, Kundenmanipulation und Verschwendung. Die Unternehmensberatung KPMG hat gemeinsam mit Gründerszene erhoben, wer die wachstumsstärksten Startups in Deutschland sind. Als Kennzahl hierfür wurde der sogenannte CAGR (Compound Annual Growth Rate) herangezogen, der das durchschnitt­liche jährliche Wachstum wiedergibt.

Auf den Podestplätzen thronen drei schon seit einigen Jahren am Markt agierende Startups: der Mode-Onlineshop Lesara, der Gastronomiebedarfsversender GastroHero und der Online-Presence-Management-Anbieter Uberall. Spitzenreiter Lesara erzielt einen gigantischen CAGR von über 1.400 Prozent und kann damit seinen Umsatz seit der Gründung jedes Jahr im Durchschnitt vervierzehnfachen.

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Professor Julian Kawohl

Bei den Branchen gibt es mit dem IT-Bereich einen klaren Dominator. Der Rest aus der Wachstumsliste stammt aus der E-Commerce-Branche, dazu kommen Energiespeicherlösungen, ein Online-Bonusprogramm und ein Agenturdienstleister. Einziger klassischer Produktanbieter ist der Elektroroller-Hersteller unu. Aus der Reihe fällt noch die börsennotierte Investmentholding RNTS Media mit verschiedenen wachstumsstarken Beteiligungen im Tech-Ökosystem. Schließlich ist der Robo-Advisor Fincite als einziges Fintech dabei.

Berlin dominiert die Szene

Bei den Firmensitzen dominiert nach wie vor Berlin die Szene. Mit weitem Abstand folgen dann München und Hamburg. Günstige Lebenshaltungskosten, ein großes Reservoir an Programmiertalenten und ein gigantisches Freizeitangebot machen die Hauptstadt weltweit attraktiv. Auch das Kapital scheint nachzuziehen. So hört man vermehrt in der Szene, dass Partner von US-Geldgebern mehr denn je damit liebäugeln, nach Berlin zu wechseln.

Während sich das ewige Wachstum im Silicon Valley auf hohem Niveau zu stabilisieren scheint, zeigt der Hockeystick in Berlin steil nach oben. Eine Vielzahl an Konferenzen, diverse Meeting-Hotspots und zahlreiche Coworking-Spaces bieten den prosperierenden Startups gute Möglichkeiten, ihre schnell wachsende Mitarbeiterzahl unterzubringen.

Was zeigen uns die schnell skalierenden Startup-Unternehmen? Zunächst einmal, wie wichtig Innovationen sind. Sie müssen nicht immer die tradierten Branchen-Spielregeln aufbrechen oder umdefinieren. Auch die clevere Besetzung einer Marktnische kann in scheinbar gesättigten Märkten zum Wachstumserfolg führen.

Die 10 Spitzenreiter des Gründerszene-Rankings 2016

Gründerszene hat die digitalen Überflieger unter den deutschen Startups gesucht – und gefunden. Wer konnte in den vergangenen drei Jahren die stärksten Umsatzzuwächse verbuchen? Hier ist die Top Ten.

Was bedeutet das in Konsequenz für Unternehmen aus der Old Economy? Von Geschäftsführern höre ich, dass für Start­ups andere Gesetze gälten. Das Wachstum ginge häufig zulasten der Marge und sei größtenteils auf Pump finanziert, was für ungleiche Spielregeln sorge.

Das stimmt. Und es ist nicht absehbar, dass diese Finanzierungsquellen für Start­ups kurzfristig versiegen werden. Niedrige Zinsen und ein dicker Batzen VC-Kapital sorgen dafür, dass auch weiterhin schnelles Wachstum durch die Top-Performer aus der Startup-Welt erfolgen kann. Das ist gut! Denn nur wenn innovative und skalierbare Geschäftsmodelle marktfähig und erfolgreich werden, zieht dies weitere Gründer an und erfolgreiche Entrepreneure werden zu Investoren. Dieser Kreislauf pusht dann das gesamte Startup- und Innovationsökosystem. Mit Vorteilen für alle Beteiligten, da der Kuchen insgesamt wächst.

Was macht den Erfolg der Wachstums-Startups aus?

Vor allem drei Aspekte:

  1. Extrem kunden- oder nutzergetriebene Skalierung durch iterative Tests, um wenig Ressourcen zu verbrennen. Dies ist insbesondere im extrem dynamischen E-Commerce-Umfeld von größter Bedeutung.
  2. Signifikante Investments in Marketing und Vertrieb. So arbeitet beim Bronzemedaillengewinner des Wachstumsrankings knapp ein Drittel der Mitarbeiter im Vertrieb.
  3. Fokus auf Execution in den Kernprozessen. Qualität und Sorgfalt, um Kosten im Griff zu behalten und keine Kunden zu verlieren. Spätestens hier trennt sich die Spreu vom Weizen, und es zeigt sich, ob das Skalierungspotenzial wirklich nachhaltig ist.

Während der erste Aspekt die größte Herausforderung für Corporates darstellt, die von den Wachstumsstartups lernen wollen, ist der zweite Punkt schon einfacher umsetzbar und der dritte gehört zum Grundverständnis von vielen etablierten Unternehmen.

„Wir müssen wieder mehr Startup werden“

Ich habe vor einiger Zeit mit einem Topmanager einer bedeutenden börsennotierten deutschen E-Commerce-Plattform diskutiert, ob sein Unternehmen jetzt eigentlich noch Startup oder schon im Corporate-Modus angekommen sei. Die Antwort war simpel: „Wir sind wahrscheinlich schon zu sehr Corporate und müssen wieder mehr Startup werden.“ Dieses Statement gibt das Spannungsfeld wieder, welches derzeit in der internen Diskussion bei schnell gewachsenen Startups läuft. Gleichzeitig versuchen die etablierten Player auch weiterhin, durch Inkubatoren, Acceleratoren und Innovation Labs das Erfolgsgeheimnis von Skalierbarkeit und Lean-Startup zu entdecken und für sich anzuwenden.

Am Ende erscheint also die Zielsetzung für Corporates und Startups recht einfach und ganz im Sinne des Bonmots von Bill Clinton: „It’s growth, stupid!“ Um jeden Preis. Und das ist erst einmal nicht verwerflich.

Bild: Chris Marxen/Gründerszene, privat