Crowdsourcing, Crowd

Crowdsourcing boomt. Immer mehr Startups setzen auf Masse – und kreieren völlig neue, virtuelle Geschäftsmodelle. Welche man künftig im Blick behalten sollte.


Der Trend Crowdsourcing schwappt aus den USA nach Deutschland

Manchmal braucht Jan Hendrik Ansink, 25, auf einen Schlag mehrere tausend Agenten. Manchmal nur ein paar hundert, mitunter auch gar keinen. Der 25-jährige ist Mitgründer des Berliner Startups Expertcloud (www.expertcloud.de), ein virtuelles Contact-Center. Die unlösbar scheinende Personalaufgabe bewältigt Ansink mittels eines einfachen Tricks: Crowdsourcing. Statt wie bei einem herkömmlichen Call-Center Mitarbeiter-Hunderschaften in ein Großraumbüro zu pferchen, lässt Ansink seine Leute unabhängig voneinander von zu Hause aus telefonieren.

„Wir arbeiten via Breitbandverbindung miteinander“, sagt Jan Hendrik Ansik, Geschäftsführer von Expertcloud. „Dadurch können wir riesige oder auch nur ganz kleine Auftragsvolumen erfüllen, je nach Kundenbedarf.“ Denn die Expertcloud-Agenten arbeiten selbstständig, am eigenen Schreibtisch, so oft und so viel sie wollen. Ansink wiederum kann auf den stetig wachsenden Pool rund um die Uhr zugreifen – je nach Bedarf. Für beide Seiten bringt Crowdsourcing vor allem eins: ein Maximum an Flexibilität.

Crowdsourcing: Gemeinsam schlauer sein

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Der Expertcloud-Geschäftsführer ist deshalb nicht der einzige, der neuerdings auf Crowdsourcing als Geschäftsmodell setzt. Immer mehr Jungunternehmer aus der New- aber auch Unternehmen aus der Old-Economy bedienen sich der Weisheit, Kreativität und Innovationsbereitschaft der Masse. „Crowdsourcing macht ungefähr das, was Henry Ford vor hundert Jahren mit seinem Fließband angestoßen hat: es revolutioniert die Arbeitswelt und industrielle Prozesse“, sagt Ansink. Der Trend kommt – wie so oft – aus den USA, wo Crowdsoucing bereits zum Geschäftsalltag gehört.

Nicht nur ist dort die gute alte Heimarbeit in Gestalt einer Homeoffice-Version 3.0 zu neuer Blüte gelangt – und dabei, es auch in Deutschland zu tun, wie das Beispiel expertcloud.de zeigt. Ebenso werden drüben wie zunehmend auch hierzulande Innovationsvorhaben, die bislang standardmäßig im Unternehmen und hinter verschlossener Tür in Gang gesetzt wurden, immer öfter im Cyberspace realisiert, gewissermaßen ausgelagert also.

Crowdsourcing wird oft über Online-Communities umgesetzt

Was daran neu sein soll, wird sich der eine oder andere nun fragen. Geschäftsprozesse an externe Anbieter zu delegieren, um die Unternehmenseffizienz zu steigern, ist schließlich ein alter Hut. Doch in der „Social Economy“ erfährt der Begriff und die dahinter stehende Strategie eine völlig neue Bedeutung. Crowdsourcing ist ein Neologismus, der sich aus ‘Crowd’ und ‘Outsourcing’ zusammensetzt. Er bedeutet, nicht mehr nur eine Person, sondern eine Masse an Menschen, die „Crowd“, über das Internet aufzufordern, eine bestimmte Aufgabe zu bearbeiten oder Idee zu entwickeln. Das Konzept basiert auf der Vorstellung, dass mehrere Köpfe in Menge gewaltig mehr unter der Mütze haben, kreativer sind und schneller als nur ein Schädel, der denkt und raucht.

Um die Masse zu erreichen eignen sich vor allem Online-Communities. Hier tummeln sich in aller Regel Gleichgesinnte mit ähnlichen Interessen, Talenten, Wünschen und Vorstellungen. Natürlich entspricht auch das dem klassischen Prinzip der Arbeitsteilung – geht aber noch darüber hinaus: denn mitmachen kann jeder, egal ob Profi oder Amateur. Und meistens, das zeigt sich beim crowdsourcing immer wieder, sind es gerade die offiziellen Nichtfachmänner, die über ein enormes aber sehr spezielles Fachwissen verfügen. Oder Querdenker, die aus ganz fremden Disziplinen kommen aber neue Sichtweisen und innovative Denkanstöße einbringen.

Nokia und Fiat: Auch große Unternehmen setzen auf die Crowd

Der finnische Handyhersteller Nokia etwa setzt genau darauf. Er hat kürzlich bekanntgegeben, seinen allseits bekannten Klingelton beerdigen und einen neuen, frischen Standard-Klingelton auf seinen Geräten dudeln lassen zu wollen. Doch statt die eigene Musikabteilung mit der Entwicklung zu beauftragen, hofft das Unternehmen auf die Kreativität der Masse. Über eine eigens eingerichtete Innovationsplattform haben die Finnen einen öffentlichen Wettbewerb ausgerufen – und versprechen dort 10.000 Euro für einen neuen Ohrwurm.

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Auch Fiat mag es massig: in Brasilien hat Fiat-Chefdesigner Peter Fassbender im vergangenen Jahr mittels Crowdsouring ein ganz neues Gefährt entwickelt. Statt sich wie bislang üblich mit seinen Kollegen in abgekapselten Labors einzuigeln, fragte Fassbender Kunden und Auto-Fans via Internet, wie das perfekte Stadtfahrzeug ihrer Meinung nach auszusehen habe. Zwei Millionen Menschen surften auf die für das Projekt eingerichtete Seite – 17.000 meldeten sich an, um mitzudesigen, etwa 10.000 Vorschläge gingen ein. Herausgekommen ist der Stadtwagen Mio, eines der nachdrücklichsten Beispiele dafür, wie Crowdsouring industrielle Prozesse inzwischen umkrempelt. Kritiker und Publikum reagierten geradezu euphorisch. Bis heute tourt Fiat mit dem Mio um die Welt und räumt Designpreise ab.

Crowdsourcing lohnt sich für Startups

Vor allem aber für Startups, meistens kreativ, häufig klein und fast immer klamm (zumindest am Anfang), macht es Sinn, sich die Intelligenz der Masse zunutze zu machen. Denn dadurch lassen sich nicht nur Kosten reduzieren sondern auch enorme Reichweiten erzeugen.

12Designer (www.12designer.com) etwa  bringt Auftraggeber, wie zum Beispiel Unternehmensgründer, die ein Logo, eine Website oder Visitenkarte benötigen, und Designer zusammen. Die Auftraggeber stellen ihre Projekte ein und legen den Preis dafür fest. Die Designer wiederum präsentieren im Wettbewerb ihre Lösungen dazu. Der Auftraggeber schließlich kauft das Design, das ihm am besten gefällt – und bekommt in aller Regel ein besseres in kürzerer Zeit zu deutlich günstigeren Konditionen geboten. Für das junge Berliner Unternehmen ist das ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Inzwischen sind über 10.000 Designer in der Community unterwegs, täglich gibt es über 100 offene Projekte. So etwas spricht sich in der Web-Gemeinschaft schnell herum.

Crowdsourcing verändert die Arbeitsprozesse

Zudem ist Kreativität nicht alles, was die Masse zu bieten hat und industrielle Prozesse sind nicht das einzige, das Crowdsourcing verändert. Auch Arbeitsprozesse unterliegen derzeit einem grundlegenden Wandel. Denn längst geht es nicht mehr nur darum, mit Crowdsourcing eine besonders tolle Idee zu entwicklen – sondern Arbeit völlig neu zu konzipieren. Henry Ford hat, wie Geschäftsführer Ansink von Expertcloud es beschrieben hat, in den 20er Jahren vorgemacht, wie das geht. Er zerlegte Produktionsprozesse in kleinste Arbeitsschritte und ließ diese am Fließband ausführen. Anschließend setzte er die Puzzleteile wieder zusammen und machte Furore mit einem Endprodukt, das nicht nur billiger sondern auch besser war als das vorher.

Mit sogenannten „Mikrotasks“ gelingt, basierend auf dem Prinzip von Crowdsourcing, das Gleiche. Große Arbeitsprojekte werden in kleinste Teile zerlegt und diese auf die Masse verteilt. Anders als bei Henry Ford funktioniert das allerdings heute virtuell – und bietet dadurch für Startups ungeahnte Möglichkeiten. Unternehmen wie Crowd Guru (www.crowdguru.de) oder Clickworker (www.clickworker.com) etwa haben sich darauf spezialisiert, kleinteilige aber sehr zeitraubende Tätigkeiten auszuführen, die außerhalb der Kerkompetenz der meisten Unternehmen liegen aber nichtsdestotrotz erledigt werden müssen. Das aber gelingt den beiden Startups nur, weil die Masse mitspielt.

Zu den Aufgaben, die Crowd Guru und Clickworker übernehmen, gehört zum Beispiel, umfangreiche Datenbanken aufzubauen oder solche zu aktualisieren, Adressen zu recherchieren, SEO-Content zu kreieren, Produktbeschreibungen zu übersetzen, Bilder zu verschlagworten oder zu digitalisieren. Um das im Sinne des „Mikrojobbings“ zu gewährleisten, arbeiten tausende von selbstständigen Agenten von zu Hause aus, ähnlich wie die Telefonagenten bei Expertcloud, nur dass sie in diesem Falle „Gurus“ beziehungsweise „Clickworker“ heißen. Sie brauchen ebenfalls nicht mehr als einen Schreibtisch, einen Computer und die entsprechende Software, die sie sich herunterladen können.

Die beiden Startups wiederum punkten gegenüber ihren Kunden damit, enorm große Aufträge in sehr kurzer Zeit abzuarbeiten und zudem deutlich günstiger anbieten zu können: sie brauchen weder einen teuren und fixen Personalstamm noch viel Büroraum. Das für die Projekte benötigte Personal aber ist trotzdem schnell und je nach Auftragsvolumen verfügbar.

Crowdsourcing braucht Regeln

Für Crowdsourcing gibt es insofern ganz verschiedene Motive und es werden immer mehr. Das Konzept allerdings ausschließlich als Kostensenkungsmittel zu verstehen wäre der falsche Ansatz. Entscheidend ist, dass die Crowd zu deutlich mehr imstande ist als nur ein kleiner Trupp geschweige denn ein einzelner Gründer. In jedem Falle ermöglicht Crowdsourcing, zahlreiche Dienstleistungen deutlich effektiver über das Internet anbieten, einkaufen und auf umfassendes Know-how zugreifen zu können. Allerdings sollte, wer die Chancen von Crowdsourcing für sein Startup erfolgreich nutzen will, die Richtung vorher möglichst genau vorgeben und kennen.

Denn die Masse setzt sich nur dann in Bewegung, wenn sie weiß, wohin sie laufen soll.

Bild: Morgue File / hotblack