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Da steh ich also mit dem Telefon in der Hand und gesenktem Haupt, enttäuscht, verraten – und hasse den stinkreichen Tim Cook, CEO von Apple. Nicht, weil ich ihm Geld und Erfolg nicht gönne oder Apple an sich schlecht finde – sondern weil er den strahlenden Glanz vergangener Tage dafür nutzt, mir einen Dienst wie Apple Music anzudrehen. Und mich auch noch wie einen Idioten aussehen lässt.

In der Musikbranche kommt niemand an Apple vorbei. Als 2003 iTunes an den Start ging, war es der Beginn der Digitalisierung unserer Plattensammlungen – der Todesstoß für die CD. 2010 wurde iTunes Marktführer, spätestens seit diesem Jahr waren auch Anbieter wie etwa Napster in die ewigen Jagdgründe von „Erinnerst du dich noch, als …“-Listen bei Buzzfeed verbannt.

Nur mit einem eigenen Abo-Streaming-Dienst hielt sich Apple ungewohnt zurück – bis im vergangenen Juni mit dem üblichen „eine Sache noch“ Apple Music angekündigt wurde. Nach Jahren im Aus wagte sich Apple also doch ins Feld, um den Siegeszug gegen Dienste wie Spotify und Grooveshark zu wiederholen.

Ich hatte die Bereitschaft, zu wechseln

Ich war seit rund vier Jahren Premium-Nutzer bei Spotify. Jeden Monat zahlte ich 9,99 Euro monatlich für bessere Soundqualität – was egal ist, denn mit meinen preisgünstigen In-Ear-Kopfhörern klingt sowieso alles blechern.

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Grund für mein Abo war eher die nervtötende Spotify-Werbung, die bei Gratisnutzung alle paar Songs dazwischenfunkt. Denn einen neuen David-Guetta-Song von einem aufgedrehten, nasalen Ansager angepreist zu bekommen, während ich eigentlich Led Zeppelin hören will, ist so wohlig wie ein Tritt unter die Gürtellinie. Da zahle ich gerne.

Die App nervte mich zudem, weil sie hin und wieder crashte. So war es nur noch die soziale Einbindung, vor allem die kollaborativen Playlists, die mich trösteten: Mit meinem Bruder und Freunden, die woanders leben, hatte ich so eine praktische Möglichkeit, mich über neue Musik auszutauschen. Aber egal: Ich hatte die Bereitschaft, zu wechseln.

Ein Sektenmitglied kurz vor der finalen Klappe

Und da kommt also Tim Cook daher und kündigt an, dass sein auf 570 Milliarden Euro geschätztes Unternehmen sich aufmacht, mich zu erlösen. Ich dachte, wenn Apple etwas macht, wird es intuitiv, schick und all die anderen Adjektive, die sich Tech-Blogger stets aus den Finger kitzeln, um zu sagen: Sieht gut aus, und sogar deine Oma kann es benutzen. Ich dachte mir: Apple Music schafft vielleicht das, was Spotify nicht schaffte: Mich rundum glücklich zu machen.

Cook hatte mich also: Immer häufiger erwähne ich in Gesprächen beiläufig, aber entschlossen, dass ich Spotify verlassen werde. Meinem Bruder habe ich in einem Telefonat mitgeteilt, dass die Zeit unserer gemeinsamen Playlist bald vorbei ist – es war mir ernst. Er hat mich für verrückt, verblendet erklärt. Ich ihn für einen Ungläubigen.

So zog ich durch meinen Freundes- und Bekanntenkreis, um zu missionieren. Für die gute Sache, genauso wie es die Marketing-Abteilung von Apple sich wohl vorstellt. Berauscht davon, dass etwas Großes kommen wird. Und ich Teil jener bin, die als Erste davon wussten. So muss sich ein Sektenmitglied mit einem Glas vergifteter Limo in der Hand fühlen, kurz vor der finalen Klappe.

Wo bin ich, Scientology?

Und dann geschah es: Mit einem iOS-Update kam Apple Music vor etwa einem Monat in mein Leben. Erst drei Monate gratis, danach entweder 9,99 Euro monatlich für das Einzelabo oder 14,99 Euro für bis zu sechs Personen. Sicher günstiger als ein Ablassbrief, darum wählte ich das Familienkonto, denn die würde mir doch sicher bald folgen – und ich könnte sie dann mit offenen Armen empfangen.

Beim Set-up muss auf rote Seifenblasen getippt werden, in denen Genres wie „Jazz“, „Pop“, „Classic Rock“ stehen, damit Apple meinen Geschmack kennt. Die App will wissen, ob ich eher Hall & Oates oder Toni Braxton höre. Und ich sage ihr, dass ich Weezer immer, wirklich immer und überall Jack Johnson vorziehe. Das Set-up ist getan – die Erlösung ist nah.

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Der Look orientiert sich klar an iTunes. Ich schlucke und frage mich, wo ich hier bin. Schnell war klar: Die Verwaltung von Playlists und Künstlern ist so unhandlich, dass ich Probleme habe, zurechtzukommen. Ich dachte, es würde besser werden – aber je mehr Künstler ich meiner Bibliothek hinzufügte, desto schwerer wurde es, den Überblick zu behalten.

Die Desktop-Variante läuft sogar komplett über iTunes. Und konnte von mir nicht verwendet werden, weil sich mein Music-Konto nicht verbinden ließ. Stattdessen forderte das Programm mich ständig dazu auf, noch ein weiteres Konto zu eröffnen. Wo bin ich, Scientology?

Was an iTunes nervt, nervt auch bei Apple Music

Ein Feature von Apple Music ist eine 24-Stunden-Radiostation namens Beats 1. Moderiert vom ehrwürdigen Zane Low, der Musikfans als echtes Trüffelschwein bekannt ist, und eigens von der BBC abgeworben wurde. Ehrenwert, aber nicht ausreichend, um mich, den High-Class-Endnutzer, zu überzeugen.

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Der „Connect“-Bereich kann vernachlässigt werden, eine wirkliche Social-Media-Integration gibt es nicht: Man hört bei Apple Music alleine. Statt einer etwas nervigen Spotify-App hatte ich jetzt ein mit Steroiden vollgepumptes iTunes auf dem Smartphone. Was bedeutet: Alles, was an iTunes nervt und der Grund ist, warum niemand die App benutzt, nervt bei Apple Music jetzt etwa 20-mal mehr. Es fühlt sich so an, als hätte Apple ein nur halb fertiges Produkt auf den Markt gebracht.

Höhepunkt: Der Bereich zum Entdecken von Musik ist der Konkurrenz überlegen. Schreiber von Vice, Pitchfork oder dem Rolling Stone kuratieren händisch Playlists. Das ist toll, um auf Neues zu stoßen. Aber was hilft es, wenn das Sortieren der Songs so schwer ist?

Ein weiteres Problem: Teilweise sind Songs in den Listen grau hinterlegt, was bedeutet, dass wohl eine Art „Defekt“ vorliegt und sie nicht abspielbar sind.

Apple Music wird nicht die Welt revolutionieren

Wie die Konkurrenz bietet Apple einen Katalog von rund 30 Millionen Songs an. Und die Tatsache, dass, im Gegensatz zu anderen Diensten, als Schmankerl auch Taylor Swifts „1989“ verfügbar ist, macht für mich auch keinen Unterschied. Das Maps-Fiasko hatte mich einst kaltgelassen. Aber diesmal hat Apple mich erwischt.

Nach einem Monat fragten mich mein Bruder und Freunde, wie es denn so laufen würde. Und ich musste gestehen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Und nach den Gratismonaten geläutert zu Spotify zurückkehren werde. Es wird kein Spaß, aber ja, so geizig bin ich. Ich hatte mich reinlegen lassen.

Sicher, Apple Music ist noch in der ersten Version, ein Baby. Updates folgen, die App wird besser werden. Aber Apple Music zeigt: Die Zeiten des Umbruchs, der glorreichen Innovationen bei Apple sind vorbei. Trotzdem wird der Dienst viele User haben. Dass Apple die App im Gegensatz zur Konkurrenz auf seinen Geräten vorinstalliert ausliefern wird, ist mehr als hilfreich.

Aber Apple Music wird die Welt nicht revolutionieren. Tim Cook hat viel versprochen. Und nur Mittelmaß geliefert. Das ist nicht mehr das Apple, für das ich einst missionieren ging.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Welt.

Bild: Apple