Blinkist Holger Seim

Blinkist-Mitgründer Holger Seim

„Hohe sechsstellige Summe“ für Blinkist

Die wesentlichen Aussagen eines Sachbuches innerhalb von 15 Minuten? Das hat sich Blink Labs zum Ziel gesetzt: Das Berliner Startup fasst die Kernaussagen von Sachbüchern in jeweils etwa einem Dutzend „Blinks“ zusammen, recht übersichtlichen Wissenshäppchen, die in jeweils zirka zwei Minuten gelesen werden können, wirbt Blink Labs. Ein Monatsabonnement mit Vollzugriff auf einen Katalog von derzeit 150 Büchern kostet 4,49 Euro.

Für die Vermarktung der Applikation Blinkist (www.blinkist.com) hat Blinks Labs nun eine Finanzierungsrunde „im hohen sechsstelligen Bereich“ abgeschlossen. Investoren sind der von der IBB Beteiligungsgesellschaft gemanagte VC Fonds Kreativwirtschaft Berlin sowie die MGO Digital Ventures GmbH. Das neue Investment folgt einer ersten Finanzierung durch Hubraum, dem Inkubator der Deutschen Telekom, und einem Pool aus Angel-Investoren, die zur Jahresmitte 2012 abgeschlossen wurde.

Das frische Kapital soll für mindestens zwölf bis 18 Monate reichen und insbesondere in den Bereichen Inhalte, Funktionen und Märkte ausgegeben werden, erklärt Mitgründer Holger Seim im Gespräch mit Gründerszene. Den letzten Schritt ist Blinkist dabei schon gegangen, seit einigen Tagen ist die Webseite global verfügbar, gleiches gilt für die App. Nun muss sich zeigen, ob das Geschäftsmodell funktioniert.

USA als großer Hoffnungsmarkt

Der Fokus liegt dabei auf USA: „Personal Development ist dort ein viel größerer Markt, die Zahlungsbereitschaft für digitalen Content deutlich höher“, so Seim. Generell sei der Markt für Non-Fiction diesseits des Atlantiks deutlich größer. Viele der Bücher, die derzeit in der Pipeline sind, stammen ohnehin aus dem angelsächsischen Raum. „Wer die USA als Markt besetzt, der besetzt das Thema“, so der Gründer weiter. Als Offline-Pendant für Romane sind dort die Cliff-Notes-Heftchen seit Langem sehr erfolgreich.

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Eine Testphase habe man auch schon durchgeführt. Wichtigstes Feedback bislang: Der Content ist die größte Baustelle. Zwar liege die Conversion von Downloads zu zahlenden Nutzern mit derzeit rund fünf Prozent in einem guten Rahmen, sagt Seim. Allerdings habe man noch Probleme mit der Kundenbindung, nach vier bis fünf Monaten kündigten viele Nutzer ihr Abonnement wieder. Zwar seien die vom Konzept überzeugt, allerdings reichten die Inhalte in der Breite noch nicht aus, um das Abo weiterführen zu wollen. Eine größere Bibliothek soll an beiden Stellen für Verbesserung sorgen.

Aber auch neue Features sollen die Kunden locken – etwa eine Markierfunktion, mit der Leser Passagen hervorheben und über soziale Netzwerke teilen können. Zielgruppe sind dabei Leser zwischen 25 und 45. Im neuen Schwerpunktmarkt USA sieht das noch etwas anders aus, weil dort allgemeinere Sachliteratur eine größere Verbreitung hat. Anders als hierzulande zählt Blinkist jenseits des Atlantiks auch Studenten zur Zielgruppe, nicht zuletzt weil dort im Rahmen von MBA-Studiengängen auch populärwissenschaftliche Literatur zur Pflichtlektüre gehört.

Direkte Zusammenarbeit mit Verlagen?

Bei all dem wollen es sich die Gründer nicht mit den Verlagen verscherzen. Eine Kannibalisierung der Buchverkäufe durch Blinkist sehe er aber auch nicht, sagt Seim, eher stelle sein Angebot einen weiterer Marketingweg für Publisher dar. Ob damit auch die direkte Zusammenarbeit mit Verlagen denkbar wäre? Erste Gespräche hinsichtlich eines Revenue-Share-Konzepts, bei dem Autor oder Verlag mit zehn Prozent an den Umsätzen teilhaben sollen, habe man bereits geführt – auch mit dem Gedanken im Hinterkopf, möglicherweise die Zusammenfassungen gleich von den Originalautoren zugeliefert zu bekommen. Die letztendliche Kontrolle der Inhalte werde aber immer bei Blinkist liegen.

Derzeit arbeiten rund 25 – immer wieder wechselnde – freie Schreiber für das Jungunternehmen. Moment werden zwei Bücher pro Woche umgesetzt, mit dem neuen Kapital soll die Frequenz bald auf vier und schließlich sechs Bücher pro Woche steigen.

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Bleibt es bei „gedruckten“ Texten, oder wären auch Audio-Blinks denkbar? „Das Vertonen der Texte kostet bis zu 200 Euro pro Blink – zumindest wenn man professionelle Sprecher nutzt“, erklärt Mitgründer Seim. Entsprechend müssten die Kunden teurere Abos abschließen, um den zusätzlichen Aufwand zu decken. „Die Zahlungsbereitschaft ist bei Interessenten zwar grundsätzlich da. Aber es braucht auch eine gewisse Zahl an teureren Abos, damit alles auch refinanziert werden kann“, ergänzt er.

Insgesamt arbeiten derzeit 15 Mitarbeiter fest bei dem Unternehmen. „Das soll auch die Teamgröße für die kommenden Monate bleiben“, so Seim. Blinkist ist durch den Hubraum-Inkubator der Telekom gegangen. Ob sie zufrieden sind mit dem, was Hubraum ihnen geboten hat? „Alles in allem ja“, sagt der Mitgründer. Insbesondere das Mentorenprogramm habe einen sehr großen Nutzen gehabt. Auch erst einmal ein Büro nutzen zu können, habe in der Anfangsphase geholfen. Wirklich auf die Konzernassets zugreifen zu können, sei allerdings überaus schwierig gewesen – sicherlich auch, weil sich das Unternehmen selbst noch an die digitalen Ableger gewöhnen muss. Auch habe man die Reichweite der Telekom nicht besonders gut umsetzen können. Gleichwohl habe der Name allein und das Netzwerk viele Türen geöffnet, insbesondere bei Verlagen.

Die wichtigsten Lektionen der Gründer

Die fünf wichtigsten Learnings aus den ersten eineinhalb Jahren fast der Blinkist-Mitgründer dann noch so zusammen:

  • Den Fokus behalten und seine eigenen Entscheidungen treffen: Man bekommt viel Rat und viele Vorschläge für Sachen, „die man mal machen kann“. Das muss alles fein säuberlich gefiltert werden und man muss sich auf das Wesentliche konzentrieren.
  • Transparenz im Team schaffen: Nur wenn jeder im Team weiß, was gerade im Startup vorgeht, kann jeder auch das Beste leisten.
  • Investoren in Deutschland sind risikoavers: Typischerweise wollen alle potenziellen Geldgeber alle Fragen vorab beantwortet und alle Annahmen validiert haben. Natürlich kann man als Startup noch nicht immer die passenden Zahlen vorlegen. „Das mag eine falsche Erwartungshaltung unsererseits gewesen sein, aber es hat uns doch sehr überrascht“, formuliert Seim.
  • Office-Kultur ist wichtig: Im Stress kam es oft vor, dass vor lauter Arbeit das „coole Miteinander“ verloren ging. „Allerdings haben wir schnell gemerkt, dass dann die Produktivität leidet“, sagt Seim.
  • Etablierte Strukturen sind nicht unbedingt etwas Schlechtes: Man kann sich von erfahrenen Leuten Hilfe holen und Erfahrungswerte einsammeln, auch wenn das gegen den gängigen Startup-Ethos geht. Das gilt nicht nur für das Geschäftsmodell, sondern auch die Abläufe im Büro.
Bild: Alex Hofmann/Gründerszene