Fred Wilson & Brad Burnham: Viele Thesen

Sie wollten sich einfach mal in Berlin umschauen, sagen sie. Fred Wilson und sein Partner Brad Burnham von Union Square Ventures. Der New Yorker Risikokapitalgeber gehört zu den größten in den USA, im Portfolio sind Firmen wie Twitter, Tumblr oder Foursquare. In Berlin ist Union Square Ventures in zwei Startups investiert: Soundcloud und OneFootball. Ob Wilson und Burnham in der Hauptstadt auf der Suche nach neuen Investments waren oder sich generell mehr in Berlin positionieren wollen, wollten sie nicht verraten. Am Mittwochabend zumindest waren die beiden zu einem Fireside Chat mit Tech-Open-Air-Gründer Niko Woischnik verabredet.

Etwa 150 Gäste füllten an dem Abend die nach der deutschen Tänzerin benannte Bar Anita Berber in Wedding, um stehend und im leichten Gedrängel den Star-Investoren zuzuhören, die auf einer kleinen Couch gegenüber von ihrem Interviewer Platz genommen hatten.

Rund 50 Minuten dauerte das Interview, in dem alle erdenklichen Themen angeschnitten wurden: Big Data, die Entflechtung von Konzernstrukturen – das sogenannte „Unbundling“–, Share Economy, künstliche Intelligenz, Startup-Standort Berlin und NSA-Skandal.

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Die Frage, die wohl alle interessiert, wenn großen Investoren zu Gast sind in Berlin: Was kommt als nächstes? Welche Bereiche sind für Union Square spannend? „Ich interessiere mich besonders für den Bereich Health Care, weil das Gesundheitssystem in den USA – und ich vermute überall in der Welt – eine massive bürokratische Hierarchie hat“, antwortet Fred Wilson. „Es gibt immer mehr Geräte, die es uns erlauben, unsere eigenen Probleme selbst zu diagnostizieren – ohne das wir dabei mit dem Gesundheitssystem in Kontakt kommen.“ Es werde in diesem Bereich einen „großen Knall“ geben, prognostiziert Wilson.

Sein Partner Brad Burnham scheint vor allem von dem Thema Big Data und der Frage, wem die Daten gehören und wie sich Daten aufteilen lassen, fasziniert. „Ich würde sagen, dass sich die Art und Weise, wie wir den Besitz von Daten betrachten werden, stark verändern wird“, sagt Burnham. Er ist der Meinung, dass die Frage, wem die Daten gehören und wie damit umgegangen wird, Systeme wie das Gesundheitssystem und Business-Modelle wie das von Facebook umkrempeln werden und die Firmen zum Umdenken zwingen werden.

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Insgesamt seinen die Bereiche Health Care, Bitcoin (genauer: „Blockchain“), „New ways of thinking of identity and dataship“ und neue Netzwerkkkonzepte („Mesh Networks“) spannend, fassen die beiden Investoren zusammen. Ihrer Meinung nach sei der Bereich Mesh Networks aber am vielversprechendsten – deswegen hätte Union Square erst kürzlich in das Startup Veniam aus Porto investiert, die in der portugiesischen Stadt ein solches Netzwerk aufgebaut haben und Taxis und Busse miteinander verbunden und mit WLAN versorgt haben.

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Anschließend gehen die Fragen von Niko Woischnik in alle erdenklichen Richtungen: Was fasziniert Euch an Bitcoin? (Burnham: „Wer Bitcoin als Währung versteht, hat das System nicht verstanden.“) Wie ist der aktuelle Stand im Bereich Shared Economy? (Wilson: „Ist Airbnb überhaupt noch Teilen? Ich glaube nicht.“) Wie läuft es bei Uber? (Burnham: „Uber muss deutlich mehr Geld für jede Fahrt verlangen, wenn es den Investoren ihr Geld zurückzahlen will.“) Spielt der NSA-Skandal überhaupt eine Rolle? (Burnham:„Tech-Firmen sind da in einer schwierigen Rolle, weil sie auch viel über ihre Nutzer wissen.“)

Wie üblich, wenn Startup-Größen in Berlin zu Besuch sind, wurde nach dem Potential von Berlin als Startup-Hub gefragt. Von der deutschen Hauptstadt scheinen die beiden Investoren angetan – es gebe mittlerweile eine erste „Erfolgs-Generation in Berlin“, deutlich niedrige Preise als in London oder San Francisco und deswegen immer mehr kreative Talente in der Stadt. „Trotzdem gibt es immer noch diese Angst vor dem Scheitern, die in den USA einfach nicht so stark existiert“ und „das Geld in Europa geht aus irgendeinem Grund nicht in Risikokapital“, ergänzt Fred Wilson.

Und was hält Fred Wilson von Rocket Internet? Der Investor steht dem Company Builder – wie so viele andere Investoren und Gründer aus den USA – nicht besonders positiv gegenüber. „Ich würde die Aktie von Rocket nicht anfassen, weil ich nicht das an das Business-Modell glaube“, sagt er. „Das sind böse Akteuren im Business.“


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Erst im Januar konnte Westwing 25 Millionen Euro einsammeln. Im April gingen noch mal 30 Millionen an den Möbelshop. Das Geld kommt unter anderem vom Berlusconi-Clan. Im Bild: Die Westwing-Gründer Stefan Smalla und Delia Fischer; Quelle: Westwing

Bild: Tech Open Air