claudia gellrich karmahike

Claudia Gellrich auf dem Gipfel des Rinjani, einem Vulkan auf Lombok in Indonesien. Höhe: 3.726 Meter.

Claudia Gellrich verdiente als eine der ersten Mitarbeiterinnen von Brands4Friends gutes Geld. Sie stieß 2007 zum Shoppingclub, der drei Jahre später an Ebay verkauft wurde – für 150 Millionen Euro. Doch nach über sechs Jahren, zuletzt als Leiterin der Unternehmenskommunikation, schmiss Gellrich alles hin – ohne einen Plan B. Sie nahm sich eine Auszeit, reiste durch die Welt und gründete dann selbst.

Ihr neues Startup ist das genaue Gegenstück zur schnelllebigen Tech-Branche: Mit Karmahike organisiert sie nun Wanderungen in ganz Europa und kombiniert diese mit Yoga. Zu Weihnachten geht es für fünf Tage nach Mallorca in die Berge. Im Frühjahr führt ein Tagestrip mit Yoga in die Schorfheide. Karmahike ist dennoch kein Schnellschuss: Gellrich ist bereits seit vielen Jahren professionelle Wanderleiterin und Yoga-Lehrerin. Sie organisierte bereits während ihrer Zeit bei Brands4Friends etwa alpine Hütten-Touren gegen Unkostenbeiträge.

Im Interview mit Gründerszene erzählt die Gründerin, wieso sie der Tech-Branche den Rücken kehrte und warum sie sich keine Gedanken um einen Alternativplan macht.

Claudia, um was geht es Dir bei Karmahike?

Wir bieten Reisen an, bei denen es immer ums Abschalten geht, um die Kombination aus Wandern, Yoga und Naturerleben. Das heißt aber nicht, dass man eine Pilgerreise macht.

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Du bist nicht nur Gründerin und Geschäftsführerin sondern auch aktiv bei den Wanderungen involviert.

Das ist genau der Punkt: Ich wollte etwas machen, wo ich selbst aktiver bin als vorher. Aber ich sitze natürlich immer noch viel hinter dem Schreibtisch. Nur, dass der eben machmal auf Mallorca oder in Griechenland steht.

Mit „vorher“ spielst Du auf Deine Startup-Historie an?

Meine letzten beiden Stationen waren Brands4Friends beziehungsweise Ebay. Interrimsweise habe ich auch ein größeres Team bei Dawanda geleitet. Man arbeitet viel, sitzt viel am Schreibtisch und ich hatte irgendwann das Gefühl, dass ich etwas eigenes und nicht mehr so viel an ein und dem selben Ort machen möchte. Reisen ist meine größte Leidenschaft.

Du hast Brands4Friends als eine der ersten Mitarbeiterinnen mit aufgebaut. Wie war das?

Wir haben uns damals alle einen einzigen Raum als Office geteilt, inklusive Gründer, Geschäftsführer und Grafiker. Es war klein, intim, viel Arbeit, oft wenig Schlaf.

Du warst dort trotzdem über sechs Jahre.

Es war eine super-intensive, spannende, lustige, lehrreiche und alles in allem großartige Zeit, für die ich sehr dankbar bin. Denn ich wäre den Schritt mit Karmahike ohne diese Erfahrung vielleicht so nicht gegangen. Ich habe gelernt, was es bedeutet, ein Unternehmen aufzubauen, wie man die richtigen Mitarbeiter einstellt, Teams führt und wie das Arbeitspensum ausfällt.

Brands4Friends stellt den „Besitz“ an die erste Stelle. Jetzt baust Du an einem Unternehmen, das bewusstes Leben vermittelt und Besitz in den Hintergrund stellt. Wie passt das zusammen?

Besitz ist ja grundsätzlich erstmal nichts Schlechtes, man sollte sich nur vielleicht bewusst darüber sein. Warum will ich etwas besitzen? Brauche ich es wirklich, und warum? Macht mich das wirklich glücklicher oder zu einem besseren oder beliebteren Menschen? Bestimmte Einsichten gewinnt man vielleicht erst mit der Zeit. Man kann sich überlegen, was einem wirklich wichtig ist, wie man authentisch und ehrlich zu sich selbst ist. Bei Karmahike geht es vielmehr darum, all dies einfach mal zu hinterfragen und sich eine Auszeit von dem digitalen Wahnsinn zu nehmen und sich für ein paar Stunden oder Tage auf die „einfachen Dinge“ zu fokussieren und auf den „üblichen Luxus“ zu verzichten.

Du warst auch vorher als Yoga-Lehrerin aktiv. Wieso hast du den schwereren Weg gewählt und bist Unternehmerin geworden?

Zunächst, weil Wandern  und Yoga seit über einer Dekade meine Passion ist und ich glaube, dass es kein vergleichbares Angebot wie unseres gibt. Weil es spannend ist, etwas ganz nach den eigenen Überzeugungen und Vorstellungen aufzubauen. Als wir bei Brands4Friends angefangen haben und das Unternehmen von 5 auf 250 Mitarbeiter hochgeschraubt haben, haben wir wie Wahnsinnige gearbeitet und waren sehr erfolgreich damit. Das fühlte sich sehr gut an. Aber wenn man etwas ganz eigenes kreiert, etwas aufbaut und damit Erfolg hat, dann fühlt sich das noch viel besser an. Ein elementarer Unterschied zum Online-Geschäft ist jedoch, dass wir direktes und sehr persönliches Feedback von unseren Gästen bekommen. Und es klingt vielleicht verrückt: Aber ich tue etwas, das mich und andere glücklich macht.

So verrückt klingt das nicht. Aber spiegelt Karmahike wirklich nur persönliche Vorlieben wieder, oder schaust Du auch auf die Zahlen?

Ich habe mich vorher natürlich gefragt: Kann das auch wirtschaftlichen Erfolg haben? Yoga beispielsweise ist seit Jahren ein Trend, etwa weil Stress und psychische Belastungen immer weiter zunehmen. Die Leute sind fertig, weil sie überarbeitet sind – oder total gelangweilt. Oder sie haben Rückenschmerzen und Probleme mit den Schultern. Bei der Zusammenstellung des Teams habe ich auf eine gute Mischung der Kompetenzen geschaut. Aber ich habe es nicht gegründet, weil ich in erster Linie dachte, damit Millionen zu verdienen.

Aber warum bist du nicht in der Tech-Branche geblieben?

Ich habe zu dem Zeitpunkt keine passende Entwicklungsmöglichkeit für mich gesehen. Als ich nach sechs Jahren bei Brands4Friends gekündigt habe und wieder eine Auszeit zum Reisen einlegte, meinten die Leute zu mir: „Wow du hast deinen gutbezahlten Job aufgegeben – ohne Plan B.“ Und dann habe ich mich gefragt: Was kannst Du noch, außer Marketing und PR und was kann jetzt noch kommen? Ich bin relativ angstbefreit und mache Dinge einfach, wenn ich davon überzeugt bin.

Hast Du jetzt einen Plan B, falls Karmahike nicht funktionieren sollte?

Ich denke nicht ans Scheitern. Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, dann setze ich alles daran. Ich verschwende meine Gedanken nicht an das was nicht ist, sondern lenke sie auf das, was möglich ist. Aber man braucht immer erst etwas Zeit, damit etwas Neues entstehen und wachsen kann.

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Könntest Du Dir vorstellen, irgendwann wieder nur hinterm Schreibtisch zu hocken?

Auch darüber habe ich nicht nachgedacht. Das Leben verändert sich ständig. Woher soll ich wissen, was ganz genau in zwei Jahren ist? Meine vorherigen Jobs im Bereich Marketing und Kommunikation haben mir immer Freude gemacht. Und das ist auch jetzt bei Karmahike noch so. Ich arbeite ja dennoch viel am Schreibtisch. Sollten irgendwann beispielsweise meine Knie nicht mehr mitmachen, oder sich meine Lebensumstände gravierend verändern, dann überlege ich mir einen Plan B.

Woher stammt eigentlich das Geld für Deine aktuelle Unternehmung?

Ich hatte gut bezahlte Jobs (lacht). Und ich bin jemand, der bescheiden lebt. Ich brauche diesen ganzen Schnickschnack nicht, den man nur Zuhause rumstehen hat oder mit sich rumträgt. Natürlich lebe auch ich in einer von Konsum dominierten Welt. Man kann Dinge besitzen, aber braucht man die wirklich? Alles eine Frage der Einstellung. Außerdem habe ich mit Karmahike keine immens hohen laufenden Kosten. Ich arbeite oft im Betahaus, habe dort meinen Schreibtisch, der kostet nicht viel. Das teuerste sind jedoch die Ausrüstung und Ausgaben für Marketing und vor allem für Versicherungen. Aber das hält sich alles im Rahmen.

Bild: Rolf Baumann