klaus wowereit startup szene

Klaus Wowereit, hier beim Parteitag der Landes-SPD 2011, ist sichtbar stolz auf Berlin. Aber wie stolz kann er auf seine Startup-Bilanz sein?

Zum Abschied von Klaus Wowereit: Berlins Startup-Bilanz

Es gibt diese Episode aus dem Februar 2012, sie scheint heute Lichtjahre entfernt. 6Wunderkinder-CEO Christian Reber machte damals einen Email-Wechsel öffentlich, den er mit der Senatskanzlei von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) geführt hatte. Reber hatte um einen Gesprächstermin mit Wowereit gebeten, damit sich Startup-Vertreter mit dem Politiker über die Entwicklung des Berliners Ökosystems austauschen konnten. Wowereits Büro erteilte Reber eine Abfuhr: Der Regierende habe keine Zeit für einen solchen Termin.

Anzeige
Seit diesem unglücklichen Vorfall hat sich Wowereits Verhältnis zur Berliner Startupszene deutlich verändert, zum Besseren. In den folgenden Monaten entdeckte der Landeschef das Thema für sich, er erkannte das ökonomische Potenzial der Startups für Berlin und das politische Potenzial des Themas für sich selbst. Im Herbst 2012 lud Wowereit Szeneköpfe wie Christian VollmannFelix Petersen oder Constanze Buchheim zum Kennenlernen ins Rote Rathaus, er traf sich mit Researchgate-Gründer Ijad Madisch und dessen Investor Matt Cohler zum öffentlichkeitswirksamen Austausch. Im Januar 2013, nicht einmal ein Jahr nach dem Email-Wechsel mit Christian Reber, ging Wowereit auf große Startup-Besuchstour.

Seither sind gemeinsame Termine des Landeschefs mit Vertretern des Berliner Ökosystems zur Gewohnheit geworden. Wowereit pries die Bedeutung junger Digitalunternehmen bei jeder Gelegenheit an, er setzte sich für den Austausch von Old und New Economy ein und er nahm einige Forderungen von Startup-Vertretern auf. Viele Vorschläge aus der McKinsey-Studie vom Herbst 2013 wurden vom Senat ernst genommen und tatsächlich umgesetzt: Es gibt mittlerweile eine eigenständige Startup Unit, ein 100-Millionen-Euro-Fonds ist in Planung. Andere Baustellen bleiben: So ist die Berliner Verwaltungslandschaft vor allem für ausländische Gründer weiter schwer zu begreifen, Englisch sprechende Mitarbeiter bleiben rar gesät.

Fest steht: Berlins Startupwelt ist heute, da Wowereit nach 13 Regierungsjahren abtritt, so vielfältig und erfolgreich wie nie. Ist das Wowereits Erfolg? Was hat Klaus Wowereit zum Startup-Boom der letzten Jahre beigetragen?

Einer, der Wowereits Leistung schätzt, ist Sascha Schubert vom Entrepreneurs Club Berlin:

„Die Berliner Startupszene hat sich mit Klaus Wowereit von einem weißen Fleck auf der Landkarte zum Meisterschaftsanwärter unter den Startup-Metropolen innerhalb der Euro Zone entwickelt. Klaus Wowereit war der beste Startup-Bürgermeister in Deutschland in den letzten zehn Jahren, im Grunde gucken doch alle nach Berlin und fragen sich: Wie haben die das gemacht? Ich glaube, dass in zehn bis 15 Jahren wieder drei bis vier Unternehmen aus Berlin im Dax sind. Gleichzeitig wäre aber auch noch viel mehr möglich gewesen, wenn der Fokus entsprechend gesetzt worden wäre.“

Aber nicht alle sehen das so. Edition-F-Gründerin Nora-Vanessa Wohlert zum Beispiel erinnert an die ersten Treffen Ende 2012 und wie wenig daraus folgte:

„Vor etwa zwei Jahren lud der Regierende Bürgermeister 100 Startup-Köpfe einen Nachmittag und Abend ins Rote Rathaus ein. In Themenrunden wurde der Bedarf der Startups zu Themen wie Finanzierung, Netzwerk oder Infrastruktur ermittelt. Es folgten einige medienwirksame Besuche in ausgewählten Startups. Der große Folgetermin, der beim ersten Treffen angekündigt wurde, fand dann jedoch nicht statt. Es bleibt das leise Gefühl, dass die Startupszene und ihr Potenzial inmitten der Flughafen-Krisen und persönlichen Krisen unterging. Ein großes Versäumnis, wenn man sich die Entwicklung der Szene ansieht.“

Wahrscheinlich muss man noch weiter zurückgehen, um Wowereits Leistung für Startup-Berlin richtig würdigen zu können. Ende 2003 prägte der frisch gewählte Bürgermeister einen Satz, der seither untrennbar mit ihm verbunden ist: „Berlin ist arm, aber sexy“. Mit dieser Formel drückte Wowereit aus, dass sich aus der wirtschaftlich benachteiligten und politisch geteilten Stadt wieder eine attraktive Kultur- und Partymetropole entwickelt hatte. Die Stadt war aufregend und sie war billig. Coolness und Preis, diese beiden Faktoren waren die wichtigsten Voraussetzungen für den Boom der kreativen und digitalen Wirtschaft.

Wowereit hat dieses Image gefördert und nach außen vertreten, er war das Gesicht des modernen Berlins. Wie cool muss eine Stadt sein, deren Bürgermeister Schampus aus Pumps trinkt? Wowereit sorgte mit dafür, dass Gründer auf der ganzen Welt auf Berlin aufmerksam wurden und ihre Startups in einer Stadt gründeten, die als Wirtschaftszentrum seit Jahrzehnten keine Rolle mehr gespielt hatte.

Anzeige
Dass Berlin inzwischen Jahr für Jahr teurer und für manche Beobachter auch langweiliger wird, ist gleichzeitig auch zum Teil Wowereits Verantwortung. Paradoxerweise ist beides auch das Ergebnis der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Lebenshaltungskosten sind im Vergleich noch immer niedrig, aber sie steigen, scheinbar unaufhaltsam. Und Coolness ist eine sehr flüchtige Größe. „Berlin is over“, bilanzierte Gawker kürzlich und übertrieb damit natürlich maßlos. Aber ein „Verlust der Hipness“ könnte sich ankündigen, wie die Zeit schreibt.

Es braucht kluge politische Entscheidungen, damit die Stadt attraktiv bleibt. Wowereits Senat hätte schon einiges unternehmen können, damit sich Startups in Berlin noch wohler fühlen, findet Wohlert von Edition F:

„Die Berliner Startupszene zieht internationale Talente und Geldgeber an und wird von Medien weltweit beachtet. Das Innovationspotenzial und der Einfluss auf die Schaffung von Arbeitsplätzen blieb vom Land Berlin jedoch noch weitestgehend unberücksicht. Dabei ist das Thema Startup mindestens so sexy wie Mode. Der Nachholbedarf ist riesig. Die Politik kann in allen Kernbereichen wie Finanzierung, Aufmerksamkeitsschaffung sowie Infrastruktur einiges machen.“

Sascha Schubert sieht Versäumnisse vor allem in der Berliner Verwaltung:

„Die ganze Stadt hat inzwischen verstanden, dass Startups die Antwort auf die Frage nach den Jobs der Zukunft sind. Die Unternehmen, die heute und morgen gegründet werden, schaffen die Jobs von übermorgen. Die Aktivitäten müssen aber noch besser abgestimmt werden und es liegt noch viel Arbeit im Detail. Die Berliner Hochschulen haben schon einiges geschafft, aber von einer Stanford University ist man noch ein Stück weit entfernt. Innerhalb der Berliner Ämter und Behörden braucht es vor allem mehr Tempo, für ein Startup ist vier Tage oder vier Wochen ein großer Unterschied.“

Vielleicht ist es aber Wowereits größte Leistung, dass sich sein Senat zurückgehalten hat. Jungunternehmen fühlten sich nicht gegängelt, mit innovationsfeindlichem Gebaren musste sich außer den US-Startups wie Airbnb oder Uber kaum jemand auseinandersetzen, in der Regel wurden Startups in Ruhe gelassen. So hat sich ein widerstandsfähiges und weitgehend autonomes Ökosystem entwickelt. Amen-Gründer Felix Petersen schrieb im Zusammenhang mit dem Email-Wechsel zwischen 6Wunderkinder-CEO Reber und der Senatskanzlei damals in seinem Blog: „The best thing politics can do is stay the fuck out of our way.“

Für Wowereits Nachfolger Michael Müller könnte daher die wichtigste Aufgabe lauten: den Startup-Freiraum zu bewahren. Schubert sagt:

„Michael Müller übernimmt mit Berlins Startupszene einen Rohdiamanten. Mit wachsenden Unternehmen werden die Anforderungen in einer wachsenden Stadt aber nicht kleiner, sondern größer. Startups brauchen Freiraum, um sich entwickeln zu können. Vor allem bundespolitisch gab es im letzten Jahr starken Gegenwind. Ich wünsche mir, dass sich Michael Müller als Startup-Bürgermeister für die Belange der Startups einsetzt, sei es für Netzneutralität oder beim Kleinanlegerschutzgesetz.“

Was sonst zu tun ist? Nora-Vanessa Wohlert empfiehlt dem neuen Regierenden Bürgermeister:

„Die Verankerung von nachhaltigen Prozessen in der Zusammenarbeit zwischen Startups und der Politik wird entscheidend sein für den Erfolg. Nur wenn es Michael Müller schafft, den Dialog kontinuierlich zu führen, Kernthemen zu identifizieren und Ideen umzusetzen, wird es tatsächlich Bewegung geben.“

 


Wowereit und die Startups: eine Beziehung in Bildern
Zur Galerie

Etwa 2012 begann Klaus Wowereit, mit der Startupszene auf Tuchfühlung zu gehen. Hier ist er im Sommer 2014 bei der Eröffnung des Startup-Campus Factory zu sehen, eingerahmt von SoundCloud-CEO Alex Ljung (links) und Factory-Gründer Udo Schloemer.

Bilder: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von abbilder; Hannah Löffler, Alex Hofmann