Kredito Name unzulässig

Mysteriös wirken die letzten Ereignisse um das von Beginn an umstrittene Kredito: Erst wird eine Bank mit an Bord geholt, um das Image aufzupolieren und dem Geschäftsmodell einen seriöseren Anstrich zu verpassen und das Produktportfolio ausweiten zu können. Seit mehreren Monaten nun ist der Zugriff auf die Webseite nicht mehr möglich, mit einem Verweis auf technische Umbauten. Was ist los bei Kredito?

Kredito: Name unzulässig

Allem Anschein nach ist bei Kredito nicht nur das Geschäftsmodell problematisch. Einem Urteil des Oberlandesgerichts Hamburg zufolge verstößt auch der Name selbst gegen das Wettbewerbsrecht: Im Wege der einstweiligen Verfügung, so heißt es im entsprechenden Tenor, wurde dem Unternehmen verboten, im geschäftlichen Verkehr unter Verwendung des Zeichens “kredito”, insbesondere durch Nutzung der Domain www.kredito.de, Dienstleistungen für die Vermittlung von Krediten anzubieten und/oder zu bewerben. Damit ist für Kredito erst einmal Schluss – zumindest unter diesem Namen.

Für den Fall der Zuwiderhandlung wurde ein Ordnungsgeld von 250.000 Euro festgesetzt, was der in Deutschland zulässigen Maximalsumme entspricht. Antragssteller war die Creditolo GmbH (www.creditolo.de), die Darlehen und Kredite in Höhe von bis zu 100.000 Euro ohne Schufa-Auskunft anbietet. Zwischen der Verfügungsmarke “creditolo” und der angegriffenen Bezeichnung “kredito” besteht Verwechslungsgefahr im Sinne des § 14 Abs. 2 Nr. 2 MarkenG, befanden die Richter des OLG Hamburg.

Namhafte Investoren

So groß die Zweifel an der Sauberkeit des Geschäftsmodells der Mikrokreditplattform bei vielen Nutzern und Branchenbeobachtern auch sein mögen, das Interesse der Investoren konnte Kredito dennoch auf sich ziehen. Das Hamburger Startup um Geschäftsführer Sebastian Diemer gewann erst zur Jahresmitte zahlreiche Top-Investoren hinzu: Michael BrehmStefan Glänzer, Point Nine CapitalRobert Wuttke und Jan Becker investierten eine unbezifferte Summe in das Unternehmen, während Bigpoint-Chef Heiko Hubertz und Amiando-Gründer Felix Haas als Alt-Investoren ihre Anteile erhöhten.

Zeitgleich hatte das Online-Kredit-Startup das Tochterunternehmen Zertifikato (www.zertifikato.com) gegründet, das als Portal für die schnelle Verifizierung von Nutzerdaten agiert. Online-Händlern soll auf diesem Weg eine Lösung gegeben werden, potenzielle Kunden nicht durch zeitaufwändige Abfragen bei Schufa oder das Postident-Verfahren zu verlieren.

Geschäftsmodell in der Grauzone?

Bei Kredito wurden Online-Kredite mit kurzer Laufzeit und ohne verpflichtende Schufa-Auskunft gewährt, die Zinsen waren – freilich je nach Berechnungsmethode – horrend. In Großbritannien existiert mit Wonga (www.wonga.com) bereits seit einigen Jahren ein Anbieter mit dem gleichen Geschäftsmodell – ebenfalls unter heftiger Kritik der Öffentlichkeit.

Um ein deutlicheres Licht auf das kontroverse Kredit-Startup zu werfen, sprach Gründerszene mit Kredito-Geschäftsführer Sebastian Diemer über die Tragfähigkeit des Geschäftsmodells, die Konsequenzen des Urteils und darüber, was er mit seinem Kredit- und Scoring-Modell in den kommenden Monaten alles vor hat:

Derzeit ist Kredito online nicht zu erreichen, zunächst angeblich wegen einer technischen Umstellung, nachdem eine Bank als Partner gewonnen werden konnte. Stimmt das?

Ja, die Kooperation mit der Partnerbank wurde von einer Lizenznutzung in Deutschland auf weitere Expansionsmärkte ausgeweitet. Außerdem wurde die Zusammenarbeit auf die Bereiche Refinanzierung, Strukturierung und Kapitalmarktzugang ausgeweitet.

Ist die Zusammenarbeit mit dem Kreditinstitut weiterhin aktuell? Auf der Webseite sind keine Hinweise dazu zu finden.

Angesichts des Erfolges in den ausländischen Expansionsmärkten wurde die deutsche Markteinführung herunterpriorisiert. Entgegen einem geplanten Markteintritt mit unserem automatisierten Modell im vierten Quartal 2012 folgen nun zwei weitere Auslandsmärkte. Wir treffen solche Entscheidungen rational anhand von KPIs (zum Beispiel Customer Acquisition Cost, Conversion, Retention, Defaults) und Wettbewerbsstrukturen.

Um welche Bank handelt es sich? Warum wurde das nicht von Beginn an kommuniziert?

Wir werden den Namen bekanntgeben, sobald wir in Deutschland wieder aktiv sind.

In der Vergangenheit gab es zum Teil heftige Kritik gegen Kredito. Wie seriös ist das Geschäftsmodell?

Kredito-Kleinkredite haben eine Laufzeit von maximal 30 Tagen und Beträgen von maximal 1.000 Euro. Die Gebühren für ein Zertifikat betrugen 49 Euro, also rund zehn Prozent bei einem Betrag von 500 Euro. Eine Verlängerung der Laufzeit wurde nicht angeboten. 93 Prozent unserer Kunden waren sehr zufrieden mit unserem Service und zahlten fristgemäß zurück.

Welchen Sinn ergibt es, einen Jahreszins für maximal 30-tägige Kredite zu berechnen beziehungsweise zu vergleichen? Es würde auch niemand eine Jahresrate für Hotelzimmer angeben. Wucher, wie die Vorwürfe lauteten? Nein, da der Kunde den Mehrwert des Services für eine kurze Zeit in Anspruch nimmt und bereit ist, diesen  zu bezahlen. Ähnliches gilt für Mietwagen, Bier von der Tankstelle oder geliehene DVDs.

Laut Urteil des Oberlandesgerichts Hamburg wurde Kredito der Geschäftsbetrieb unter diesem Namen untersagt. Wie soll es nun weitergehen?

Creditolo schien es zu missfallen, dass wir binnen kurzer Zeit unter “Kredit”, eines der härtesten Keys im Onlinemarketing überhaupt, im SEO auf der ersten Seite waren und Creditolo überholten. Als Kreditvermittler, Affiliate ist das die Lebensgrundlage, unabhängig von der Tatsache, dass Creditolo klassische Ratenkredite (Auszahlung in mehreren Tagen, Laufzeiten von mehreren Monaten/Jahren und vier- bis fünfstelligen Kreditsummen) vermittelt.

Daher wurde ein Versuch gestartet, die Domain über den Rechtsweg zu enteignen. Dieser Antrag wurde zurückgewiesen, eine Ähnlichkeit stellte das Gericht zu unserer Überraschung in dritter Instanz tatsächlich fest, wohingegen die ersten beiden Instanzen den Antrag zurückgewiesen haben. Auch, wenn wir – sowie unser Anwalt und einige Experten – die Entscheidung überraschend fanden, vertraue ich in den deutschen Rechtsstaat und beuge mich diesem Urteil. Wir haben uns bewusst dagegen entscheiden eine zeit-, kapital- und kostenintensive Hauptverhandlung anzustreben, da solche Prozesse unnötige Ressourcen binden. Wir fokussieren uns stattdessen auf das, was wir können und lieben: Execution. Creditolo werden wir, mit egal welchem Brand, erneut outperformen, wenn wir in Deutschland wieder aktiv sind.

Welche Auswirkungen hat das für den Corporate-Bereich?

Auswirkungen auf den Corporate-Bereich sowie die Auslandsmärkte hat diese Entscheidung für uns nicht, da erstens unser B2B-Produkt Zertifikato, das Identifizierung und Kreditentscheidungen in Echtzeit anhand von bis zu 8.000 Datenpunkten ermöglicht, davon nicht betroffen ist. Zweitens betrifft diese Entscheidung lediglich den deutschen Markt. Die fokussierten Expansionsländer sind außen vor.

Ist die Wiederaufnahme des Geschäftsbetriebs für Kredito angesichts einer solch langen Auszeit überhaupt noch möglich? Ist das Kredito-Geschäftsmodell langfristig tragbar?

Wir haben bei Kredito PR hintenangestellt – das meiste spielt sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ein strategischer Rückblick: Kredito ist eine Technologie, die es ermöglicht anhand von bis zu 8.000 Datenpunkten (zum Beispiel Facebook, Ebay-/Amazon-Kaufverhalten, Browsertyp, Smartphonenutzung etcetera) Kreditentscheidungen in Echtzeit zu treffen. Die erste strategische Phase hatte zum Ziel, einen Trainingsdatensatz für unseren weltweit einsetzbaren Algorithmus zu generieren. Man kann sich das stark vereinfacht als Regressionsmodell vorstellen – nach 30 Tagen analysiert das System, welche statistischen Muster pünktlichen Rückzahlungen zugrunde liegen.

Somit war, in Einklang mit unseren Investoren, die Entscheidung zunächst in Deutschland ohne kapitalintensivem Ramp-up einen Datensatz zu generieren. Kredito.de vergab Nachrangdarlehen, für die es keiner Banklizenz bedarf. Dieser Ansatz sparte uns einige Jahre, die es Fidor, Smava und andere Startups im Finanzbereich kostete, bevor der operative Betrieb aufgenommen werden konnte.

Was ist für die Zukunft nun geplant?

Unsere B2C-Vision: Einen Kreditantrag binnen zwei Minuten mit jeglichem Handy zu stellen und in Echtzeit eine Entscheidung zu erhalten. Bei positiver Entscheidung ist das Geld in Echtzeit am Geldautomaten verfügbar – weltweit und “24/7″. In Polen ist das bereits möglich.

Unsere B2B-Vision: Eine weltweit einheitliche “Scoring as a Service”-Dienstleistung zu schaffen, die es ermöglicht, Kunden zu identifizieren (als Post-Ident-Alternative) und Kreditentscheidungen per Schnittstelle zu treffen. Diese Produkte werden Banken, Finanzdienstleistern und Retailern (Ratenfinanzierung) enorm helfen. Momentan geschieht dies anhand länderspezifischer, manueller und langwieriger Prozesse, die auf oftmals veralteten und/oder falschen Auskunftei-Daten basieren.

Wie viele Mitarbeiter hat Kredito derzeit?

Kredito beschäftigt zwölf feste Mitarbeiter in drei Büros (Hamburg, Warschau, Ukraine), ein Großteil der festen Mitarbeiter sind in den Bereichen Risk/IT tätig. Weitere Offices werden wir in den nächsten Monaten eröffnen.

Das Schöne am Kredito-Geschäftsmodell ist: Es läuft vollständig automatisch – von Marketingaktivitäten über Scoring, Auszahlungen bis zu Rückzahlungen und Schriftverkehr. Das ermöglicht uns als Technologieunternehmen signifikant zu wachsen bei konstanten Fix-beziehungsweise Personalkosten.

Zur Jahresmitte hatten die Investoren ja frisches Geld bereit gestellt. Was sagen diese zu den Entwicklungen?

Wir haben den polnischen Markt in weniger als einem Monat Ramp-up gelaunched, sehen monatlich dreistellige Wachstumsraten und binnen zwei Monaten Break-even. Wir sind im Windschatten des Marktführers in einem hoch kompetetiven Umfeld, im Oktober beginnt unsere TV-Kampagne. Für den Roll-out in zwei weitere Märkte haben wir jüngst eine weitere Finanzierungsrunde abgeschlossen.

Wir konzentrieren uns auf perfekte Execution statt PR-Strohfeuer, daher läuft Kredito in der deutschen Startuppresse etwas unter dem Radar. Das ist auch gut so. In den relevanten Märkten betreiben wir natürlich B2C-relevante Pressearbeit.

Was bedeutet all dies für die bestehenden Kunden?

93 beziehungsweise 95 Prozent unserer deutschen respektive polnischen Kunden haben pünktlich zurückgezahlt und sind hochzufrieden. Unsere deutschen Kunden müssen sich leider noch etwas gedulden, da die Expansionsmärkte uns momentan voll auslasten.

Bildmaterial: Lupo / pixelio.de