Noch ein Krümel für den Kuchen: Microsoft hat in Deutschland schon Startups wie 6Wunderkinder und HockeyApp übernommen

Dieser Mann jagt Europas Startups. Sein prominentestes Opfer bislang: Wunderlist. Yair Snir ist Corporate Director of M&A and Business Development Europe beim US-Softwareriesen Microsoft. Gründerszene traf den Israeli in Berlin.

Yair, wie schaut Ihr derzeit auf Deutschland?

Für uns ist Deutschland mehr als nur die Startupszene, wir beobachten auch die reifere Industrie, Erstausrüster, die ganzen Player in der Automobilindustrie, Konzerne wie Bosch oder Siemens. Das sind alles Unternehmen, für die es nun interessante neue Möglichkeiten gibt in dem ganzen großen Bereich namens Internet of Things. Wir gucken, wie wir hier im Markt vorgehen können, mit dem Startup-Ökosystem und mit der Industrie.

Wird sich der Fokus von Microsofts M&A-Aktivität in Richtung Internet of Things verschieben?

Ich würde nicht sagen, er verschiebt sich – eher, dass wir uns im gesamten Konzern viele Bereiche anschauen. Microsoft hat sich entschieden, sich ernsthaft mit Internet of Things zu beschäftigen. Es gibt da so vieles, was darunter fällt: Industrie, Connected Devices, Smart Home, Automotive, Sicherheit. Das wird alles wird gerade immer interessanter und relevanter für uns. Und umgekehrt werden auch wir immer relevanter für diese Bereiche.

Wie engagiert sich Microsoft dort konkret? Mit Partnerschaften? Mit Akquisitionen?

Yair Snir, Corporate Director of M&A and Business Development Europe

Für uns muss es nicht unbedingt das binäre Modell sein, dass wir entweder eine Partnerschaft mit einem anderen Unternehmen eingehen oder es übernehmen. Es kann auch sein, dass man große und kleine Player an einen Tisch bringt und dann gemeinsam Lösungen erarbeitet, die einzigartig disruptiv und neu am Markt ist. Das heißt natürlich nicht, dass wir klassische Partnerschaften oder Akquisitionen nicht mehr machen. Aber es gibt neue Interaktionsformen.

Welche anderen Themen müssen Startups besetzen, damit Sie für Dich ein Übernahmekandidat sein könnten?

Akquisitionen sind immer ein Mittel, kein Ziel. Wir wollen etwas erreichen und in diesem Fall geht das durch diese Art Deal. Aus unserer aktuellen Strategie ergeben sich drei Ziele: Im Cloud-Geschäft wollen wir offen für viele Use Cases sein, Entwickler- und Business-Intelligence-Tools anbieten, genauso wie besondere Sicherheit. HockeyApp aus Stuttgart haben wir deshalb zum Beispiel übernommen.

Dann ist da der Bereich Produktivität. Jeder will immer produktiver sein. Office profitiert davon natürlich. Und wir schauen immer nach Dingen, die den Wert von Office vergrößern würden. Wunderlist ist dafür ein gutes Beispiel.

Die dritte Säule ist MPC, more personal computing. Die meisten von uns nutzen heute ihr Smartphone als Hauptgerät. Wir glauben nicht, dass das Smartphone verschwinden wird, aber wir glauben, dass wir mehr und mehr Geräte nutzen werden: Datenbrillen, Smart Watches, die Software im Auto oder im Aufzug. Diese ganze Community von Geräten wird untereinander kommunizieren und dadurch noch mehr Nutzen schaffen.

Wie sieht ein Startup aus, das reif ist für eine Übernahme?

Normalerweise sind das eher reifere Startups, die die Serie B schon hinter sich und mindestens 15 oder 20 Mitarbeiter haben. Sie brauchen ein starkes Team, starke Technologie, eine einigermaßen vernünftige Bilanz im Markt, an der sich etwas ablesen lässt. Das deutsche Ökosystem hat da schon einiges zu bieten. Und: Wir haben gesehen, dass die Gründer eine Übernahme durch Microsoft nicht als Ende des Wegs wahrnehmen, in dem Sinne, dass sie das Geld nehmen und in die Karibik abhauen könnten – sondern im Gegenteil genauso hart weiter daran arbeiten, ihr Unternehmen auf das nächste Level zu bringen. Dazu können sie unsere Vertriebsorganisation nutzen, unseren Kundenstamm, zusätzliche Entwickler und so weiter.

Wie hat Wunderlist da reingepasst?

Wunderlist ist ein wunderschönes Beispiel für ein sehr starkes Team, das ein bewundernswertes Produkt gebaut hat, das nicht nur großen Nutzen bietet, sondern auch perfekt zu unserem Produktivitätsansatz passt. Es ist ziemlich offensichtlich, warum eine gute To-Do-Liste aus der Perspektive sinnvoll ist. Wir waren sehr beeindruckt von dem Team. Ein Dream-Team. Es war hart, nicht enthusiastisch zu werden. An einem bestimmten Punkt kannten wir sie, und es ergab Sinn, unsere Partnerschaft aufs nächste Level zu heben und sich in Richtung einer Übernahme zu bewegen.

Wie lernt Ihr die Startups überhaupt kennen?

Wir versuchen immer, die interessantesten und führenden Unternehmen zu kennen, die in den für uns relevanten Regionen unterwegs sind. Weil das logischerweise unglaublich viele sind, gucken wir uns vor allem die reiferen Startups an. Wir nutzen dafür unsere lokalen Teams und unser Netzwerk an VCs. Wir investieren viel Zeit, damit sie wissen, was wir tun und was unsere Strategie ist. Damit können sie erstens ihre Portfolio-Unternehmen dementsprechend anleiten und zweitens können sie uns Bescheid geben, bevor wir etwas verpassen.

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Wie lief das bei Wunderlist?

Wir hatten verschiedene Quellen, die uns da geholfen haben, das lokale Team hier, aber auch Investoren, mit denen wir zusammenarbeiten: T-Venture und Sequoia. Zuerst gab es ein Intro durch das Team hier vor Ort, später auch eins an der Westküste. Wir haben sie getroffen und waren sehr beeindruckt. Dann ist erst einmal nicht viel passiert, was über eine Kooperation hinausging. An einem bestimmten Punkt hatte sich das soweit entwickelt, dass wir realisiert haben, wir wollten sie noch näher an uns binden.

Wie lange dauerte der Prozess?

Ein paar Monate.

Aber Ihr kanntet sie schon viel länger.

Ja, es gab verschiedene Anknüpfungspunkte. Zu einem großen Konzern wie Microsoft kannst du nie genug Zugänge haben.

Du hast vorhin betont, dass die Gründer normalerweise an Bord bleiben nach einer Akquisition. Christian Reber hat seinen Posten als 6Wunderkinder-Chef aber kurze Zeit später niedergelegt.

Ich will auf diesen individuellen Fall nicht eingehen. Normalerweise versuchen wir die Startups als unabhängige Einheiten zu behalten, das reduziert Spannungen – denn es ist keine normale Situation, wenn ein Unternehmen den Besitzer wechselt. Es ist ja nicht so, dass wir Wunderlist in ein anderes Land verlegt hätten, sie sind immer noch in Berlin. Wir fanden das eine großartige Möglichkeit, in diesem dynamischen Ökosystem präsent zu sein.

Heißt das auch, das Team wird in Zukunft an anderen Produkten als Wunderlist arbeiten?

Nicht so weit ich weiß, aber das hängt von der Entwicklung ab, was wir brauchen und was das Team will.

Bild: NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von martin.rechsteiner