Peter Thiel über Rocket, Monopole und die NSA

Eigentlich wollte das Berliner Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft mit Star-Investor Peter Thiel nur einen kleinen Lunch-Talk veranstalten, mit vielleicht 70 Teilnehmern. Doch dann meldeten sich 700 an, die Veranstalter mussten das Event in eine größere Location verlagern, sie wählten die Kalkscheune in der Johannisstraße aus. Was für ein Zufall: Nur knappe 50 Meter entfernt liegt die Zentrale von Rocket Internet.

Was denkt der erfolgreichste deutschstämmige Tech-Investor eigentlich über Deutschlands erfolgreichste Internet-Firmenfabrik? Die Frage drängt sich bei der einstündigen Veranstaltung an diesem Mittwoch förmlich auf. Und Thiels Antwort lässt wenig Raum für Interpretation: Der Inkubator stehe nicht für „die Art von Firmen, in die ich persönlich investieren oder die ich gründen wollen würde“.

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Thiel kann seine Abneigung auch theoretisch untermauern, er hat im ersten Kapitel seines im vergangenen Jahr veröffentlichten Buches „Zero to One“ dazu die Unterscheidung zwischen zwei Formen von Fortschritt getroffen: Fortschritt durch Technologie und durch Globalisierung. Im ersten Fall handle es sich um vertikalen oder intensiven Fortschritt, doing new things. Im zweiten Fall gehe es um horizontalen oder extensiven Fortschritt, copying things that work. Thiel beschreibt damit eigentlich makroökonomische Megatrends, aber keine Frage: Rocket Internet ist für ihn ein Beispiel für die zweite Kategorie.

Dass der Berliner Inkubator trotzdem so erfolgreich bei Investoren Geld einwirbt, kann sich Thiel gut erklären: Da die Rocket-Geschäftsideen „nicht sehr originell“ seien, fänden Investoren sie auch „sehr leicht zu verstehen“. Das sei „einer der Gründe für die hohe Bewertung“.

Dann holt Thiel aus zu einem besonders elaborierten Seitenhieb gegen Rocket: Er werde oft gefragt, was die Themen der Zukunft seien. Er hasse die Frage, denn: „Man muss dann ganz banale Sachen sagen, wie: Es wird viel mehr Mobiltelefone geben.“ Eigentlich sei er aber der Meinung, „dass all diese Themen übertrieben werden“. E-Health? Online-Education? „Ziemlich überschätzt.“ SaaS für Unternehmen? „Unglaublich überschätzt.“ Cloud Computing, Big Data? „Ganz oft einfach Betrug.“ Je mehr solcher Stichwörter man höre, glaubt Thiel, „desto schlechter ist die Firma“. Und Rocket? „Rocket Internet ist sehr gut mit diesen Stichworten.“

G Tipp – Lesenswert bei Gründerszene „How to Start a Startup“ – ein Stanford-Kurs über Startups elektrisiert die globale Gründerszene

Thiel spricht allerdings nicht nur über die benachbarte Firmenfabrik. In seinem einleitenden Vortrag verteidigt er ein weiteres Mal seine umstrittene Monopoltheorie. Kapitalismus sei nicht auf Wettbewerb angewiesen, so Thiel, Monopole seien eigentlich etwas Gutes und erstrebenswert. Für den dazugehörigen Aufsatz aus dem Wall Street Journal („Competition is for Losers“) bekam Thiel im Herbst gehörig Gegenwind.

Im Q&A mit dem Publikum äußert sich Thiel noch zu einer bunten Palette an weiteren Themen.

  • Etwa zur Namenswahl von Startups – die häufig vorentscheidend sei. PayPal, der von ihm mitgegründete Online-Bezahldienst, trage zum Beispiel einen netten Namen. Napster hingegen, die 2001 geschlossene Musiktauschbörse, „klang schon böse“.
  • Über seinen Einstieg ins Cannabis-Geschäft. Es handle sich dabei nur um ein kleines Investment in eine Firma, die wiederum in Cannabis-Geschäftsmodelle investiere, beschwichtigt Thiel. Und fügt hinzu: „Wir haben uns überzeugt, die Leute in der Firma rauchen nicht so viel Haschisch.“
  • Über künstliche Intelligenz, die noch „sehr weit in der Zukunft“ liege und im Übrigen nicht als ökonomisches Problem behandelt werden sollte – sondern als politische Frage.
  • Zu SpaceX, dem Space-Startup seines alten PayPal-Kollegen Elon Musk, das sich unlängst eine Milliarde Dollar von Google sicherte und über das Thiel sagt: Er sei sich sicher, „wir werden immer weiter investieren müssen, mindestens bis SpaceX zum Mars fliegen wird“.
  • Und schließlich zum NSA-Skandal. Den datensammelwütigen US-Geheimdienst findet Thiel eher lächerlich als gefährlich. Die NSA benehme sich wie die Keystone Cops, jener chaotische Haufen unfähiger Polizisten aus dem gleichnamigen Stummfilm, und nicht wie Big Brother. „Die NSA ist eher ein Beispiel für verrückte Bürokratie und nicht für einen totalitären Staat. Eine wuchernde, krebsartige Bürokratie, die alles einsammelt und nicht weiß, was sie damit machen soll.“
Bild: Gründerszene