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Seit Monaten jagt eine internationale Rocket-Neugründung die andere und es wird immer schwieriger, im Geflecht der Rollouts den Überblick zu behalten. Ob Schuhe, Kleidung, Elektronik oder Lieferdienste – ein Konzept nach dem anderen umzusetzen, scheint Oliver Samwer nicht mehr zu genügen, weshalb zur Zeit eine ganze Handvoll Unternehmen von Berlin aus den südostasiatischen Markt erstürmt. Während in Europa und den USA mal wieder passioniert das Für und Wider von Rockets Ideenfindung diskutiert wird, erkennt man in den Zielmärkten selbst die Vorteile der Samwer-Invasion und deren große Vision.

Was macht Oli wo mit wem? – Eine Übersicht

Wird es schon auf dem Berliner Hügel machmal kompliziert, den Aktivitäten von Rocket Internet (www.rocket-internet.de) zu folgen, gestaltet es sich noch schwerer, die Übersicht beim großen Südostasien-Rollout zu behalten. In den letzten Wochen mehrte sich die Berichterstattung über die neuen Rocket-Projekte in Fernost – ohne Anspruch auf Vollständigkeit versucht Gründerszene deshalb nun, die unterschiedlichen Ventures zu ordnen und strategisch einzuschätzen:

Zalora

Aus Zappos (www.zappos.com) wurde Zalando, aus Zalando wurde Zalora (www.zalora.com). Der Schuhshop nach altbekanntem Vorbild war eine der ersten Rocket-Aktivitäten im südostasiatischen Markt und ist somit bisher am weitesten ausgerollt. Laut aktuellen Angaben ist Zalora in Indonesien, Malaysia, Thailand, Singapur, Taiwan, Vietnam und auf den Philippinen aktiv. Obwohl laut Informationen aus dem Rocket-Umfeld der japanische Schuhshop Locondo als Flop gewertet wird, sollte das Thema dank Zalando-KPIs und einer starken Operations-Legion vor Ort weniger Probleme bereiten.

Lazada

Der neuste Streich in Südostasien ist die Amazon-Kopie Lazada (www.lazada.co.id). Aufgrund bewiesenen Erfolgs hat sich das Team von Rocket Internet erlaubt, das Design des Vorgängers gleich recht detailgetreu zu übernehmen. Das Hauptquartier der Großoperation (sehr wahrscheinlich aller Rollouts) scheint in Singapur zu liegen und von Maximilian Bittner geleitet zu werden, der laut Rocket-Angaben jedoch auch das neue Büro in München anführt. Bisher ist Lazada in Singapur, Indonesien und Indonesien aktiv, wie auch bei Zalora werden die anderen Märkte jedoch bald folgen. Gegenüber dem Magazin Businessweek bestätigte Oliver Samwer persönlich die Aktivitäten von Lazada und bezeichnete es als ein „early stage startup focusing on consumer electronics„.

Update: Seit heute Nacht scheint auch die arabische Version von Lazada online zu sein. Sie hört auf den Namen Mizado (www.mizado.com) und enthält den berühmten Amazon-Swoosh im Logo.

Foodpanda

Während in ganz Euopa der Krieg der Lieferdienste tobt breitet sich Rocket Internet mit Foodpanda über den gesamten südostasiatischen Raum aus. Der Aggregator für Lieferdienste startete zu Anfang in Singapur, dem flächenmäßig kleinsten Staat des Zielgebietes, wurde aber schon nach wenigen Wochen auch in Indonesien, Malaysia, Thailand und auf den Philippinen gelauncht.

Was bedeuten die Samwers für die SEA-Region?

Es ist wohl mehr als offensichtlich, dass den Samwers aufgrund ihrer Geschäftsattitüde und dem damit verbundenen Geschäftsmodell des Klonens vielerorts ein schlechter Ruf anhaftet. Vor allem die US-amerikanische Gründerszene stört sich an den Praktiken der drei Brüder aus Köln – so etwa sehr prominent Sarah Lacy oder Jason Calacanis, die sich über die direkten Samwer-Kopien erfolgreicher US-Vorbilder echauffieren. Auch Gründerszene hatte sich zum Thema Copycats bereits einmal intensiv mit dem Für und Wider des Klonens auseinandergesetzt und dabei die Bedeutung des Execution-Parts hervorgehoben.

Für Gebiete, die bisher allenfalls sporadisch auf dem Schirm der weltweit agierenden Internetgründer und -Investoren auftauchen – und Südostasien zählt hier aufgrund der kulturellen Barrieren und des erst aufkommenden Internet-Hypes wohl deutlich dazu – ist die Frage nach dem Impact der Samwers und ihrer Execution-Stärken folglich umso bedeutungsvoller. In seinem lesenswerten Blog SGEntrepreneurs (der sich naheliegenderweise auch vielfach mit den Aktivitäten der Samwers beschäftigt) nimmt sich auch Bernhard Leong der Frage an, ob die Samwers wirklich so schlecht für Südostasien sind. Immerhin schaffen die drei mit ihren Ambitionen ja auch zahlreiche Arbeitsplätze in der Region.

Doch was macht Südostasien (SEA) so speziell? Zunächst weisen die Nationen östlich von Indien und südlich von China eine hohe Mobile-Affinität auf: “The more developed economies like Singapore and Malaysia favor mobile and web penetration almost equally while emerging economies such as Thailand, Philippines and Indonesia favor mobile over web by a ratio that ranges from 3 to 5.” Vor allem ist Südostasien in seiner kulturellen Eigenart und den dazugehörigen Marktgesetzen merklich komplexer als einzelne Märkte wie Indien oder China, so wie auch Europa deutlich heterogener aufgestellt ist als die USA.

Große Internetkonzerne, die sich bereits mit Europa schwer tun, haben dementsprechend häufig ein nachgestelltes Interesse an der SEA-Region. Allerdings auch, weil ihr Internationalisierungsansatz häufig mangelhaft praktiziert wird: “The problem is that US technology companies see international expansion like Starbucks — maintaining a consistent look and feel everywhere in the world, but franchising a cafe brand is different from tailoring technologies to the needs of a specific economy”, schreibt Leong hierzu.

Gelingt es den Samwers jedoch, in ihrer gewohnten groß-dimensionierten Trial-and-Error-Kopiermanier für Südostasien ein skalierbares Herangehen zu finden, das den Rollout attraktiver Modelle in gleich mehreren SEA-Ländern erlaubt, könnte sich dies ändern. Entstehen Geschäftsstrukturen, die der regionalen Kultur und ihren Bedürfnissen (wie etwa dem Interesse an Mobile) gerecht werden, wird es für (US-)Vorbilder noch schwerer, sich international gegen die Samwers zu behaupten. Dass diese sich hierfür insbesondere das Thema E-Commerce ausgesucht haben, wird aus den letzten Gründungen sehr deutlich.

Auch wenn es vielen Kritikern nicht schmeckt, dürften die Samwers auch in Südostasien entsprechende Exits landen, die wiederum weitere Investoren auf den Markt aufmerksam machen und in der Folge viele neue Gründungen ermöglichen – auch die deutsche Gründerszene sähe ohne die Samwers wohl merklich anders (nämlich unerfahrener und kleiner) aus. Für Südostasien müssen die drei Jamba-Brüder hier aber sicherlich noch einmal mehr Pionierarbeit beim Aufbauen ihrer Strukturen leisten, könnten große US-Vorbilder damit jedoch möglicherweise zu schmerzhaften Make-or-buy-Entscheidungen drängen.

Mitarbeit: Joel Kaczmarek