Startup Gründung Timing

Ein Beitrag von Christoph Biallas, Geschäftsführer des Hamburger Inkubators 8seeds. Er berät Unternehmen zu den Themen Growth-Hacking, Lean Startup und New Entrepreneurship.

Jetzt bitte keine Rocket Science

Wer eine wichtige Lektion für Startups lernen möchte und dabei Unmengen von Popcorn vertilgen will, sollte sich den Film „Apollo 13“ mit Tom Hanks und Kevin Bacon anschauen.

In dem Film gibt es eine entscheidende Szene: Die Kapazität der CO2-Filter auf der Mondlandefähre reicht nicht aus, um die Astronauten sicher zur Erde zurückzubringen. Die Zeit wird knapp und es muss schnell eine technische Lösung her. Auf der Erde versammeln sich die NASA-Ingenieure (wer mal 70er-Jahre-Nerds mit Riesenbrillen sehen möchte: Bitteschön!) und zimmern aus einfachsten Bordmitteln einen CO2-Adapter zusammen. Letztendlich retten Plastiktüten, Socken und Gaffa Tape den Astronauten das Leben und nicht die hochgepriesene „Rocket Science“.

Das Learning: Die Ingenieure denken bei ihrer Rettungsaktion nicht großartig darüber nach, ob der CO2-Adapter ihren technischen Ansprüchen genügt (so wie der Adapter aussieht, tut er das sicherlich nicht), sondern nur, ob er das eigentliche Problem löst. Sie stellen ihre eigenen Ansprüche hinten an und rücken eine schnelle und praktikable Lösung für den „Kunden“ in den Mittelpunkt ihres Denkens.
Und das ist das, was auch Startups tun sollten.

Changing boxes: It’s not the product, stupid!

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Startups machen oft den Fehler, dass sie von Beginn an in Produkten denken und nicht in Lösungen. Oder anders gesagt: Sie wollen lieber Raketen bauen, als Adapter aus Socken. Die Folge: Es wird ewig lang an einem Produkt gebaut, das dann viel zu spät gelauncht wird.

Aber für Startups sollte gelten: Lieber nie als spät. Wer lange an einem Produkt baut, baut dieses meist am Kunden vorbei und steckt zu viel Zeit und Geld hinein, so dass es später schwerfällt, notwendige Änderungen an dem Produkt vorzunehmen. Oft ist so ein Scheitern vorprogrammiert.

Die Lösung für dieses Dilemma? Lösungen! Gründer sollten nicht in Produkten denken, sondern in Lösungen, denn Lösungen haben zwei enorme Vorteile:

  • Lösungen sind keine Herzensangelegenheiten und
  • Lösungen sind vorübergehend

Wer nach Lösungen sucht und nicht nach Produkten, ist in seinem Denken wesentlich flexibler und legt die Lösung meist viel einfacher und kurzfristiger an. Kaum einer, der den Hammer neu erfinden will, wenn er einen Nagel in die Wand schlagen will.

Es klingt banal, aber wer aufhört, in der „Box“ Produkte zu denken und dafür beginnt, in der „Box“ Lösungen zu denken, wird viele Vorteile für sein Startup entdecken.

Done is better than perfect

Mark Zuckerberg wird oft mit dem Satz zitiert: „Done is better than perfect.“ (deutlich hilfreicher als sein anderes berühmtes Zitat: „I’m CEO, Bitch.“).

Im Wesentlichen schlägt der Satz in dieselbe Kerbe: „Hört auf, an dem perfekten Produkt zu schrauben und liefert einfach eine funktionierende Lösung.“ Mark Zuckerberg hat erkannt, dass Perfektionismus oft zu Unproduktivität führt und Menschen lieber an einem Produkt basteln, als nach neuen Problemen und Lösungen Ausschau zu halten.

Kein Gründer, der seine Idee realisieren will, hört diesen Satz gerne, denn er fordert dazu auf, ein „unfertiges“ Produkt auf den Markt zu bringen – und unfertige Produkte sind leicht kritisierbar und verletzlich.

Aber ein Startup kann und darf sich nicht verstecken und muss Kritik einstecken können. Zwar ist es manchmal schmerzhaft, wenn die eigene Idee kritisiert wird, aber es ist immer noch besser, als unzählige Stunden an etwas zu verschwenden, das es einfach nicht wert ist.

Produkte, die sie lieben

Aber sagen nicht alle erfolgreichen Unternehmer: „Baut Produkte, die Menschen lieben.“? Ja, und sie haben recht damit. Aber zuallererst muss eine Lösung gefunden werden und auf dieser Lösung kann dann ein Produkt aufgebaut werden – und dies sollte möglichst ein Produkt sein, das die Menschen lieben.

Wir müssen lernen, Lösungen und Produkte voneinander zu trennen und diese nacheinander zu implementieren. Manchmal muss dabei das eigene Ego zurück- und einstecken, aber das ist es wert.

Oder anders gesagt: Es geht nicht darum, das eigene Leben zu retten, sondern das der Astronauten auf der Apollo 13.

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