Felix Petersen (Amen) und Conrad Fritzsch (Tape.tv)

Mit diesem Bild verkündeten Felix Petersen (links) und Conrad Fritzsch 2013 die Amen-Übernahme

Tape.tv will zur Tech-Firma werden

Es ist nicht das erste Mal, dass Tape.tv-CEO Conrad Fritzsch seine Musikvideoplattform umbaut. Doch was im Moment beim Berliner Musik-Startup passiert, ist der tiefste Einschnitt in der Geschichte des 2008 gegründeten Unternehmens: Tape.tv schrumpft auf 20 Mitarbeiter, die Gründer der im vergangenen Jahr übernommenen Meinungsplattform Amen verlassen Tape.tv schon wieder, und Fritzsch richtet seine Firma neu aus: schlanker soll das Unternehmen sein, das Produkt stärker am Nutzer orientiert, Tape.tv zu einer Firma werden, die eher Technologie- als Inhalte-getrieben ist.

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Das vielleicht deutlichste Zeichen für den Umbruch: Fritzsch und sein Team sind in deutlich kleinere Büroräume im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg gezogen. Das bisherige Gebäude, die ehemalige australische Vertretung in der DDR in der Pankower Grabbeallee, soll abgerissen werden.

Als Tape.tv Ende 2011 in die Botschaft einzog, war das Startup gerade auf 80 Mitarbeiter angewachsen. Seither hat Fritzsch die Belegschaft in mehreren Etappen radikal verkleinert und umstrukturiert: Im Frühjahr 2014 arbeiteten nur noch halb so viele Leute für Tape.tv, auch wenn Fritzsch im Jahr davor 25 neue Mitarbeiter eingestellt hatte. Jetzt, noch einmal ein halbes Jahr später, bleiben noch 20 Beschäftigte übrig, 13 davon sind Entwickler.

Mit ihnen soll die Wandlung zur Tech-Firma gelingen. Für den Aufbau des Entwicklerteams waren zwei der drei Gründer des ehemaligen Hype-Startups Amen verantwortlich, das Tape.tv im Sommer 2013 übernommen hatte: Felix Petersen, der bei Tape.tv anschließend als CPO arbeitete, und Florian Weber, der CTO wurde.

Petersen und Weber haben das Unternehmen nun schon wieder verlassen. Auch COO und Co-Geschäftsführer Jan Emich, der 2013 von DailyDeal kam, ist nicht mehr an Bord. Die neue Führungsmannschaft bilden Ex-Iversity-Mann Jakob Fricke, der den Produktbereich betreut, Chefentwickler Matt Patterson, der schon für die BBC und das Berliner Startup Readmill gearbeitet hat, sowie Roel van der Ven, der den Content-Bereich verantwortet.

Haben die Amen-Gründer reißaus genommen? Dem widerspricht Conrad Fritzsch gegenüber Gründerszene: „Felix und Flo haben eine Transitionsphase begleitet, deswegen haben wir sie auch reingeholt.“ Jetzt sei ihre Arbeit abgeschlossen. „Der Deal mit Felix war immer: Sie bauen ein komplett neues Produkt, eine neues Backend, ein neues Frontend, besseres Mobile. Mit ihrer Hilfe haben wir ein sehr geiles, sehr internationales Tech-Team aufgebaut. Aber die beiden sind Gründer. Ich denke, sie werden wieder etwas eigenes machen.“

Tatsächlich haben Felix Petersen und Florian Weber auf der Produktseite einiges bewegt: Im März ging Tape.tv mit einer neuen, zeitgemäßeren Version der Desktopseite an den Start, im Mai folgte die hochgelobte Smartphone-App Tape Express, die auf dem Tinder-Prinzip des „Wegwischens“ basiert, laut t3n „bei Nutzern Jubelstürme“ ausgelöst habe und, so Fritzsch, überzeugende Nutzungszahlen aufweise.

Gleichzeitig leidet Tape.tv unter einem nachhaltigen Besucherschwund: Seit die IVW 2011 im Monatsdurchschnitt beeindruckende 11,1 Millionen Visits auf der Seite zählte, ist dieser Wert deutlich gefallen – auf 8,9 Millionen im Jahr 2012, 3,9 Millionen im Jahr 2013 und 2,2 Millionen im Durchschnitt der ersten neun Monate 2014. Allerdings beziehen sich die IVW-Zahlen allein auf die Desktopnutzung, Tape.tv-Mobilnutzer werden nicht gezählt.

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„Ich habe vor drei Monaten erkannt, dass sich unser organisches Wachstum mit knapp unter zehn Prozent nicht so entwickelt, wie ich es erwartet hatte“, sagt Fritzsch. „Das ist schon toll, aber da geht noch viel mehr, wenn ich die Ressourcen richtig einsetze.“ Der Tape.tv-Gründer erklärt: „Wir konzentrieren uns jetzt auf Produkt und Content. Alle Bereiche, die nicht damit direkt zu tun haben, werden abgebaut. Nur diese Bereiche bauen wir aus.“

Das Unternehmen soll sich nach dem Willen von Fritzsch in Zukunft nur noch an einem orientieren: dem Nutzer. „In der Vergangenheit hatten wir vier Stakeholder: die Plattenfirmen, die Künstler und ihr Management, die Markenindustrie und die User. Das sind zu viele Stake- und Shareholder. Wenn ich das Unternehmen nachhaltig skalieren will, muss ich fokussieren.“

Mit dem bisherigen Geschäftsmodell von Tape.tv sei in der Vergangenheit ein großer Aufwand betrieben worden, „bei dem unter dem Strich nicht viel übrigbleibt. Das alte Arbitrage-Modell, bei dem man den User mit viel Aufwand zu sich holt und dann Bannerwerbung zeigt, funktioniert nicht mehr.“ Fritzsch will in Zukunft auf eine „Tiefenintegration von Marken in Content und in die Plattform“ setzen. „Warum nicht Werbung machen, die User sinnvoll finden und gerne anschauen?“ Das hieße dann auch: „Wir schalten die Banner ab. Die bringen kein Geld und sehen scheiße aus.“

In der Vergangenheit hat Conrad Fritzsch als alternative Erlöswege jenseits der Werbung für Tape.tv immer wieder auch ein Abo-Modell, das Lizeniseren von Inhalten oder kostenpflichtige Konzerte auf der Plattform ins Gespräch gebracht. Pläne gibt es also genug für Tape.tv. Die Frage ist, wie viel davon ein derart verschlanktes Team noch umsetzen kann. Durchfinanziert sei das Unternehmen jedenfalls, sagt Fritzsch. Die Altgesellschafter DCM, DEG und die IBB „stehen zur Verfügung und finanzieren die Company“.

Und auch der Tape.tv-Gründer selbst verbreitet Zuversicht – trotz, vielleicht aber auch gerade wegen des erneuten Umbaus: „Die letzten zwei Jahren waren ein ganzer schöner Ritt. Jetzt erfinden wir uns noch einmal neu – so, dass wir die 20 Prozent Wachstum schaffen.“

Bild: Tape.tv