Zalando Börsengang

Spätestens, nachdem Zalando (www.zalando.de) zum Ende des letzten Jahres seine Gesellschaftsform in eine Aktiengesellschaft umgewandelt hat, sind die Spekulationen rund um einen Börsengang des E-Commerce-Riesen wieder eröffnet. Im Normalfall gibt das Unternehmen Mitte Feburar seine Umsatz-Zahlen heraus und natürlich wird dann auch das Dauerthema Börse wieder im Raum der interessierten Medienvertreter schweben. Der klassische Handel und die Offlinepresse beäugen Zalando angesichts seiner Retourenproblematik und der hohen Anlaufkosten ja ohnehin nach wie vor skeptisch. Ein IPO wird hier sicher Klarheit schaffen.

Jenseits dessen habe ich meine eigenen Theorien zu Zalandos Gang auf das Börsenparkett und vermute, dass es frühestens zum Herbst 2014, eher noch später, soweit sein wird. Doch warum ist das so und was gibt es sonst noch rund um das einstiege Shopping-Experiment der Samwers festzustellen?

Die zwei Milliarden werden nicht geknackt

Während Zalando seit seiner Entstehung einen Wachstumsrekord nach dem anderen geknackt hat, vermute ich, dass die Umsatzentwicklung für das letzte Jahr nicht ganz so hoch ausfallen wird. Seit seiner Entstehung hatte Zalando durch die Ausweitung des Sortiments auf Mode, eine Internationalisierung in 14 europäische Nationen, die Kreation von Eigenmarken und den Aufbau einer eigenen Logistik seine Umsätze rasant ansteigen lassen. Nach 159 Millionen Euro 2010 stand 2011 mit 510 Millionen mehr als drei Mal so viel Umsatz auf der Habenseite und bis 2012 hatte dieser sich noch einmal knapp verdoppelt und bei 1,15 Milliarden Euro geschlossen.

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Das letzte Jahr schien bei Zalando nun aber im Zeichen der Konsolidierung zu stehen, zumal keine neuen Märkte erschlossen und gleichzeitig intern aber glatt gezogen wurde, indem Zalando etwa seinen Luxus-Ableger Emeza und seinen Kiomi-Webshop eingestellt hat. Wo sollte ein Wachstum wie das der vergangenen Jahre also herkommen, wenn keine neuen Märkte angegangen und das Marketing eher zurückgefahren wurde? Ich schätze, dass Zalando 2013 bei rund 1,9 Milliarden Euro Umsatz gelandet sein dürfte, was immer noch ein Wachstum von 750 Millionen Euro bedeuten würde. Das ist mehr als viele Webshops in zehn Jahren erwirtschaften.

Der Börsengang lässt noch auf sich warten

Vor allem lässt sich aus dieser Umsatzschätzung ableiten, dass Zalando mit seinem Börsengang noch warten wird. Warum? Weil das Geschäft mit Sicherheit noch weiter konsolidiert wird, um bei den Zahlen den richtigen Eindruck zu hinterlassen. Ein Zalando, das auch über Deutschland hinaus schwarze Zahlen schreibt, ist deutlich wertvoller als ein verlustlastiges Zalando, das in der (klassischen) Presse Skepsis hinsichtlich Rentabilität und Retourenproblematik weckt. Immerhin ist Zalandos Verlust bisher auch stetig gewachsen – von 20,38 Millionen Euro 2010 auf runde 80 Millionen 2012.

Wenn ich also einen Onlineshop an die Börse bringen wollte, wäre die schwarze Null oder zumindest eine Aussicht in diese Richtung also ein wichtiges Ziel. Alles was zur Beruhigung der Anleger – und hier gilt es ja auch Online-Laien gesondert im Blick zu halten – beiträgt, steigert Wert und Solidität des Unternehmens.

Damit dürfte ein Erwachsenwerden des Unternehmens verbunden sein, zu dem es gehört, dass Prozesse eingeschliffen, operative Altlasten entsorgt und vielleicht auch das ein oder andere Experiment der Vergangenheit abgeschaltet wird. Jene Wachstumsprozesse eben, die Unternehmen praktisch unbemerkt von der Öffentlichkeit durchlaufen, wenn sie von einer Wachstumsphase in die nächste schreiten. Und bei den dafür notwendigen Konsolidierungsschritten kann die Führungsspitze eines nicht gebrauchen: die mit einem Börsengang verbundene Regulation und Transparenz.

Nach meinem Gefühl wird Zalando also bis Ende des Jahres, womöglich sogar bis Anfang 2015 warten, ehe es – mit guten Zahlen und sauberem Unternehmensaufbau – gen Börse zieht.

Alles wird sich ändern, wenn wir groß sind

Mit einem Börsengang würde auch alles anders für Zalando. Die Auflagen einer öffentlichen Listung schaffen ein enges Korsett an Regeln und Vorgaben, welche die Bewegungsfreiheit des Unternehmens einschränken und damit die für einen Ausbau (etwa die weitere Expansion in Europa oder darüber hinaus) notwendige Flexibilität reduzieren. Ein Großteil an Zeit würde fortan für die Aufbereitung und Kommunikation der Unternehmenszahlen verwendet und auf Außenstehende manchmal vielleicht verrückt erscheinende Experimente zur Steigerung der Conversion brächten einen aufwändigen Rattenschwanz an Rechtfertigungen mit sich.

Und auch personalseitig würde wohl so mancher Leistungsträger seine Konsequenz ziehen, wenn das sonst so agile Zalando, das selbst trotz Tausender Mitarbeiter anscheinend nicht viel von seiner Experimentierfreude und Startup-Mentalität eingebüßt hat, plötzlich strenger reglementiert wäre. Mancher der Macher, Aufbauhelfer und Anpacker würde womöglich zugunsten von Sicherheitsdenkern, Konservativen und Konzernlern weichen. Vielleicht wird Zalando nicht schlechter, in jedem Falle aber anders.

Und, bleiben die Samwers an Bord?

Bleibt noch die Frage nach den Samwers. Cashen sie noch vor dem Börsengang aus, um konservative Anleger nicht mit ihrer Groupon-Historie zu verschrecken? Bleiben sie wieder bis zum Verstreichen der Haltefrist an Bord und suchen dann das Weite? Oder ernten sie die Früchte ihrer Arbeit dieses Mal langfristig und bleiben Deutschlands E-Commerce-Vorzeigegründung erhalten? Immerhin halten sie über den European Founders Found noch stolze 18 Prozent.

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Auch wenn ich aus dem Zalando-Umfeld immer mal wieder höre, dass ein Prä-Börsengang-Ausscheiden der Samwers von Bankenseite gewünscht ist, glaube ich nicht, dass es dazu kommen wird. Um vor dem Gang an die Börse von Bord gehen zu können, bräuchten die Samwers ja zunächst einmal jemanden, der den Preis dafür zahlen kann und will. Und ob potenzielle Anleger wirklich beruhigt sind, wenn der Skalierer-Clan von Bord ist, sei auch mal dahingestellt.

Zumal das Gespann in der letzten Runde bereits Anteile für 500 Millionen Euro (!) verkauft an, haben sie ihren Schnitt ohnehin gemacht und haben daher keinen massiven Druck. Die Tatsache, dass Alexander Samwer im Aufsichtsrat von Zalando sitzt, können Optimisten ja durchaus auch als ein positives Zeichen werten. Überhaupt trägt Zalando eher die auf Langfristigkeit fokussierte Handschrift des jüngsten Samwers und weniger die auf Marketing-Wachstum ausgerichtete Färbung von Oliver und Marc Samwer.

Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, greifen die Samwers sicher zu, vermutlich wird man das Trio aber auch auf dem Börsenparkett noch bei Zalando an Bord sehen.

Bild: Lupo  / pixelio.de