Zencap

Die Zencap-Geschäftsführer und -Gründer: Christian Grobe (links) und Matthias Knecht

Vor wenigen Wochen wurde der Kreditmarktplatz Zencap ein Jahr alt und legte mit einem finanzierten Kreditvolumen von knapp 13 Millionen Euro einen soliden Start hin. Gründerszene besuchte das Rocket-Startup erkundigte sich nach der Entwicklung der ersten zwölf Monate, fragte nach Trends im Fintech-Bereich – und hakte nach, warum Rocket Internet mit der Neuausrichtung von Lendico den Wettbewerb der beiden Rocket-Unternehmen intern einheizt.

Begrüßt wurden wir von den beiden Zencap-Geschäftsführern Matthias Knecht und Christian Grobe mit einer 14-seitigen Präsentation in Papierform. „Wir sind eben Berater“, witzeln die beiden ehemaligen McKinsey-Mitarbeiter. „Kommen wir zur dritten Seite“, sagt Knecht und blättert zu den positiven Zahlen der ersten zwölf Monate. „Wir bekommen oft die Häme: ‘Das Modell funktioniert in den USA und UK, aber sicher nicht in Deutschland.’“

Warum sollte das Modell in Deutschland nicht funktionieren?

Knecht: Weil es Volksbanken und Sparkassen gibt, die sehr regional und nah am Kunden aufgestellt sind. Deutschland gilt generell als overbanked, die Auftragsbücher der Unternehmen sind voll und das allgemeine Zinsniveau ist niedrig. Eine denkbar schlechte Ausgangssituation für einen Markteintritt. Dennoch waren wir in unserem ersten Jahr im Markt erfolgreicher als die großen internationalen Wettbewerber Lending Club (USA) und Funding Circle (UK), gemessen am vermittelten Kreditvolumen.

Und was wollt Ihr bis Ende dieses Jahres erreicht haben?

Knecht: Die weltweit führende Firmenkredit-Plattform Funding Circle hat im zweiten Jahr Kredite im Wert von rund 40 Millionen Euro finanziert. Das wollen wir auf jeden Fall übertreffen.

Wärt Ihr dann bereits profitabel?

Knecht: Bei 40 Millionen im Jahr noch nicht ganz. Aber für uns steht momentan Wachstum im Vordergrund. Die Finanzbranche steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Mit unseren führenden Positionen in Deutschland, Spanien und Holland stehen wir an der Spitze dieses Prozesses. Diesen Vorsprung wollen wir 2015 weiter ausbauen.

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Lendico, ebenfalls aus dem Hause Rocket Internet, hat sein Angebot vor einigen Monaten um Firmenkredite erweitert. Seid Ihr jetzt Konkurrenten? Hat das persönliche Verhältnis darunter gelitten?

Knecht: Unsere persönliche Beziehung zueinander ist unverändert gut, aber natürlich tauschen wir uns nicht mehr über unsere Geschäftsstrategien aus. Uns ist beiden bewusst, dass wir nicht die Hauptkonkurrenten sind, sondern die Banken die Wettbewerber sind, die heute 99,9 Prozent des Marktes unter sich aufteilen. Wir haben also nichts gegen insgesamt zehn Prozent Marktanteil für Lendico und Zencap. Außerdem verfolgen wir auch ganz unterschiedliche strategische Ansätze. So sehen wir uns als Produktspezialisten und fokussieren uns ausschließlich auf Unternehmenskredite.

Dennoch bleibt die Frage, warum Rocket den Wettbewerb intern anheizt.

Knecht: Es geht nicht darum, den Wettbewerb anzuheizen, sondern um unterschiedliche Strategien im komplexen Fintech-Markt. Die meisten erfolgreichen Plattformen sind Produktspezialisten: Prosper und Sofi in den USA, Unilend und Prêt d’Union in Frankreich, Zopa und Ratesetter in Großbritannien. Lending Club hat sich dagegen nach sieben Jahren Existenz dazu entschieden, das ursprüngliche Privatkreditgeschäft um Firmenkredite zu erweitern. Für uns ist eine Ausweitung auf die Kreditvergabe an Privatpersonen jedenfalls derzeit keine Frage. Unser klarer Fokus ist das Kreditgeschäft mit Firmenkunden und einer maßgeschneiderten Risikoanalyse und spezialisiertem Vertrieb.

Wie wollt Ihr weitere Marktanteile gewinnen?

Grobe: Wenn man sich nur Deutschland anschaut, dann wird im kleinen Kreditgeschäft mit dem Mittelstand jedes Jahr ein neues Kreditvolumen von 100 Millliarden Euro ausgegeben. Auf unser Segment bis 250.000 Euro entfällt davon immerhin ein Drittel. Wir wären deshalb schon sehr zufrieden damit, wenn wir nur fünf Prozent von diesem Markt abbekommen. Wie kommen wir dahin? Zum einen grenzen wir uns von Banken ab, indem wir Deutschlands schnellsten Kreditprozess entwickelt haben. Wir können jedem Unternehmen innerhalb von 48 Stunden eine Zu- oder Absage erteilen. Zum anderen setzen wir auf die persönliche Beratung. Jeder Kreditnehmer bekommt einen Ansprechpartner zur Seite gestellt, der ihn während des gesamten Kreditprozesses begleitet.

Wie entwickelt sich die Finanzbranche denn gerade allgemein?

Grobe: Aktuell wird die Wertschöpfungskette der Banken durch junge, dynamische Fintech-Unternehmen immer weiter zerlegt. Apple Pay und Transferwise reorganisieren den Zahlungsverkehr. Wealthfront und Vaamo digitalisieren die Vermögensanlage. Und Funding Circle und Zencap heben die verstaubte Welt der Kreditvergabe in das digitale Zeitalter. Spannend ist daher die Frage, wie Banken darauf antworten. Ziehen sie sich also zurück, greifen sie an, oder kooperieren? Ganz gleich welches Szenario am Ende eintritt, die nächste Generation der Fintech-Unternehmen wird versuchen, die Wertschöpfungskette wieder stärker unter einem Dach zu vereinen. Meine Vermutung: Wir werden in den nächsten fünf Jahren eine Art Amazon der Finanzbranche sehen.

Apropos Kooperation: Arbeitet Ihr derzeit mit Banken zusammen?

Knecht: In den letzten Monaten haben uns viele Banken angesprochen. Grundsätzlich gehen wir sehr offen in diese Gespräche. Die jeweiligen Anbieter müssen aber unsere Digital-Philosophie teilen. Wir wollen nicht Dienstleister der Banken sein, sondern die Branche revolutionieren und eine neue Kultur etablieren: weg von komplizierten Produkten, hin zu mehr Convenience bei Basisprodukten wie dem klassischen Kredit durch konsequente Digitalisierung. Wenn wir dafür Mitstreiter unter den Etablierten finden, warum nicht? Unsere aktuell verkündete Kooperation mit der Sparda-Bank Berlin entspricht dieser Idee.

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Auch die Politik hat in letzter Zeit vermehrt über einen Kulturwandel in der Finanzbranche gesprochen. Was sind Eure konkreten Forderungen an die Bundesregierung, um das in die Tat umzusetzen?

Grobe: In Deutschland hinken wir der angelsächsischen Entwicklung hinterher. Deswegen haben wir drei konkrete Anknüpfungspunkte: Erstens müssen wir gemeinsam mit der Politik stabile regulatorische Rahmenbedingungen schaffen. Die Bundesregierung hat bereits erste Schritte eingeleitet und erarbeitet gemeinsam mit Branchenvertretern neue Vorschriften. Zweitens sollten wir die Vorteile von Marktplätzen aktiv für moderne Wirtschaftsförderung nutzen. Das macht die britische Regierung bereits sehr gut. Bis heute hat sie insgesamt 60 Millionen Pfund in Projekte kleiner und mittelständischer Unternehmen über Online-Plattformen investiert. Drittens muss das Bankenmonopol nachhaltig aufgebrochen werden. Wie in Großbritannien sollte auch die deutsche Regierung Banken dazu verpflichten, alle abgewiesenen Unternehmen aktiv an Online-Plattformen zu verweisen.

Zurück zu Euch: Welche Strategien verfolgen Eure Anleger? Habt Ihr bereits größere Portfolien?

Knecht: Wir haben bereits eine Handvoll Einzelportfolien im sechsstelligen Bereich. Der größte Teil der Anleger hat allerdings ein Portfolio zwischen 2.500 und 10.000 Euro. In der Regel streuen unsere Anleger ihre Investitionen und legen kleine Beträge in zahlreiche Projekte an.

Grobe: Es gibt aber auch Anleger wie mich, die in nahezu jeden Kredit investieren. Und immer nur den Minimalbetrag von 100 Euro. Auf Details des Unternehmens wie Finanzkennzahlen gucke ich da nicht so genau. Daten von Lending Club und Funding Circle zeigen übrigens, dass eine gute Streuung der wichtigste Erfolgsfaktor für Crowdlending-Anlagen ist: Anleger bei Funding Circle, die in mindestens 100 Kredite investiert haben, haben alle in den letzten fünf Jahren eine positive Rendite verdient.

Seit Oktober 2014 habt Ihr sehr viel mehr Einzelkaufleute auf der Plattform. Wie kommt das?

Grobe: Anfangs haben wir nur Kapitalgesellschaften finanziert. Aber ein Großteil der kleinen Mittelständler sind eben Personengesellschaften. Deswegen haben wir uns entschlossen, unser Segment zu erweitern. Viele vergessen nämlich, dass auch sehr große Unternehmen Einzelkaufleute sein können. Das ist zwar kein positives Beispiel, aber auch Schlecker war ein eingetragener Einzelkaufmann. Wichtig zu wissen ist, dass wir Unternehmen nur dann finanzieren, wenn sie bestimmte Mindestanforderungen erfüllen. So muss der Betrieb mindestens zwei Jahre alt sein und einen Umsatz von 100.000 Euro aufweisen.

Welche Projekte waren Eure Highlights im vergangenen Jahr?

Knecht: Ein echtes Highlight war sicherlich die Teilfinanzierung des Nowitzki-Films „Der perfekte Wurf“ über unsere Plattform. Hier wurde innerhalb von nur 24 Stunden 100.000 Euro eingesammelt.

Das Nowitzki-Projekt ist untypisch für Euch. Ein solches Projekt erwartet man eher auf einer Plattform wie Kickstarter.

Grobe: Auf der einen Seite ist es ein typisches Kreditprojekt. Die Produktionsfirma hat einen klassischen Kredit bei uns beantragt. Wir haben das Projekt ganz normal wie jedes andere auch auf Basis der Finanzkennzahlen geprüft. Auf der anderen Seite gab es eine starke Emotionalisierung über die öffentliche Person Dirk Nowitzki. Durch eine starke Figur wie ihn kann man natürlich auch dafür Begeisterung generieren. Die Mischung hat dann den Erfolg garantiert: Kredit ist nämlich erstmal ein langweiliges Geschäft mit Fokus auf Rendite.

Wollt Ihr das in Zukunft häufiger machen?

Knecht: Wir haben vor kurzem in Spanien mit dem Erstligaverein Levante ein vergleichbares Projekt gemacht, das ähnliche Medienaufmerksamkeit bekommen hat. Unser „Brot-und-Butter“-Geschäft bleiben aber solide Mittelstandskredite für Unternehmen mit einer guten Wachstumsgeschichte. Wir wollen kein Kickstarter für den deutschen Mittelstand werden.

Wie handhabt Ihr die Risikoanalyse? Manuell? Automatisiert?

Grobe: Wir machen beides. Wir haben im ersten Schritt des Auswahlprozesses natürlich verschiedene automatisierte Filterkriterien. In unserer anschließenden Risikoanalyse haben wir beides: einen Mix aus Technologie und Expertise unserer sechs Vollzeit-Analysten für den finalen Check. Wir beginnen aber jetzt schon, unsere Datenbanken mit allen möglichen anderen Quellen, nicht nur Bilanzen, zu füttern: beispielsweise der Verweildauer auf unseren FAQs oder Social-Media-Daten. Aber diese Variablen werden sehr vorsichtig integriert.

Danke für das Gespräch.

Bild: Zencap