Eine Rezeptidee von Snack-Insects-Gründer Folke Dammann

Es gibt viele Menschen hierzulande, die bei dem Gedanken daran, einen Wurm oder eine Grille zu essen, angewidert den Kopf schütteln. Zwar gehören Insekten in vielen Ländern zu einer traditionellen Ernährung, etwa zwei Milliarden Menschen essen die Krabbeltiere weltweit. Doch in Deutschland schaffen es Heuschrecken, Mehlwürmer und Co bisher nur selten auf den Teller.

Dabei wird seit Jahren auf die Vorteile der Ernährung mit Insekten hingewiesen. Bereits 2013 veröffentlichte die Welternährungsorganisation FAO einen Report, in dem sie zum Essen von Insekten aufrief. Zum einen soll die Aufzucht von Insekten umweltschonender als die von Nutztieren wie Kühen sein, da sie weniger Platz, Wasser und Futter benötigen. So würden weniger Treibhausgase bei der Tierhaltung freigesetzt, heißt es.

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Gleichzeitig weisen Insekten wie etwa Grillen oft viel Eiweiß, gesunde Fettsäuren und Mineralien auf. „Sie sind ernährungsphysiologisch gesehen besser als Fleisch“, sagte Arnold van Huis, Entomologe an der Universität Wageningen, dazu gegenüber der Zeitung taz. Essbare Sorten gibt es etwa 1.900.

Man könnte meinen, dass viele Startups auf so einen Markt aufspringen würden, denn immerhin ist dieser hierzulande noch nicht erschlossen. Und die Anzahl junger Unternehmen, die sich im Lebensmittelmarkt behaupten wollen, scheint stetig zu steigen. Doch wo sind die Insekten-Startups?

Gesetzeslage ist nicht klar

Ein Problem ist, dass die Ernährung mit Insekten bisher nicht ausgiebig erforscht wurde. Kritiker weisen darauf hin, dass man nicht wisse, welche langfristigen Folgen sie haben könnte. So sind etwa Unverträglichkeiten möglich: Menschen, die allergisch auf Krustentiere reagieren, könnten auch bei Insekten Reaktionen zeigen. Eventuelle Giftstoffe, die Insekten etwa durch ihre Umwelt aufnehmen, könnten auch Menschen belasten.

Hinzu kommt, dass die Gesetzeslage zum Insektenverkauf in der EU bis vor Kurzem noch nicht eindeutig geklärt war. Unklar war, ob Insekten in die Kategorie der neuartigen Lebensmittel fallen, denn sie wurden in der sogenannten Novel-Food-Verordnung nicht namentlich genannt. Sie bestimmt, für welche Lebensmittel besondere Genehmigungen vor dem Vertrieb eingeholt werden müssen.

Ob Insekten einer Zulassungspflicht unterstellt werden, wurde von EU-Mitgliedstaaten lange Zeit unterschiedlich interpretiert, schreibt ein Sprecher des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit auf Nachfrage von Gründerszene. In Ländern wie Belgien und den Niederlanden können Insekten Medienberichten zufolge einfacher verkauft werden. Ab dem kommenden Jahr gelten allerdings einheitliche Regeln, die den Verkauf von Insekten in der EU festlegen.

Folke Dammann, Gründer von Snack Insects, mit einigen seiner Produkte

Insektensnacks bei DHDL

Jemand, der sich dennoch an den Insektenmarkt wagt, ist Gründer Folke Dammann. Der Hamburger bietet seit 2013 ganze Grillen, Mehl- und Buffalowürmer über Snack Insects an. Während er seinen Shop in der ersten Zeit mit anderen Projekten crossfinanzierte, kann er nun davon leben, sagt er. Aber: „,Insekten-Verzehr ist nach wie vor ein Nischenmarkt, da müssen wir uns nichts vormachen“, gibt der Unternehmer offen zu. „Nicht jeder möchte sie essen.“ Doch die Ernährungsgewohnheiten könnten sich ändern, so wie es in der Vergangenheit mit Sushi geschah, mutmaßt er.

2015 pitchte der Hamburger sogar in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“. Doch Dammann konnte die Mehrheit der Löwen nicht überzeugen. Reiseunternehmer Jochen Schweizer, der mittlerweile aus der Show austrat, gab zwar ein Angebot ab. Aber 25.000 Euro für die Hälfte seines Unternehmens war Dammann, der den Shop seit 2013 betreibt, zu wenig. „Das Angebot von Jochen Schweizer war nicht das, was wir uns vorgestellt haben. Aber es war schön, dass jemand Potential in dem Konzept gesehen hat.“

Der Deal sei zwar nicht zustande gekommen, doch eine Kooperation gebe es trotzdem, sagt der Gründer. So verkauft er seine Insekten über die Onlineangebote von Schweizer, den eigenen Shop und Gastronomen. Wie viel Umsatz Snack Insects macht oder wie hoch die Marge ist, möchte er nicht verraten. Die Preise auf seiner Homepage sind mit 15 Euro für 15 Gramm Heuschrecken jedoch hoch. Dammann, der die Insekten von einer Farm in den Niederlanden bezieht, sagt: „Die Produktion von Speise-Insekten ist derzeit sehr teuer. Das liegt einfach an den noch kleinen Produktionsmengen und den hohen Qualitätsanforderungen. Man darf hier keine Angelköder oder Futterinsekten zum Preisvergleich nehmen.“

Insekten, die nicht wie Insekten aussehen

Die Hemmschwelle, ganze Insekten zu essen, ist bei manchen Menschen höher, als den neuesten Superfood-Smoothie auszuprobieren. Daher gibt es Startups, die Krabbeltiere in andere Produkte verarbeiten, an die wir gewöhnt sind. So wollen die Gründer von Bugfoundation Menschen in Europa Insekten als Nahrungsmittel in Form eines Burgers nahebringen. Seit 2014 entwickeln Baris Özel und Max Krämer einen Burgerbratling, der bis zu 50 Prozent aus gemahlenen Buffalowürmern besteht.

Dieser wird bisher in nur wenigen Restaurants in Belgien und den Niederlanden vertrieben. Für Forschungen mit Insekten als Lebensmittel haben die beiden Geld von der EU bekommen, womit sie sich derzeit finanzieren. Zudem haben Özel und Krämer bis vor Kurzem eine Eventreihe veranstaltet, diese jedoch nun zugunsten von Bugfoundation gestoppt. Geld von Investoren habe es bisher nicht gegeben, so Özel. Der Gründer will weder Marge noch Umsatz kommentieren. Nur so viel sagt er: In wenigen Wochen soll eine größere Produktion beginnen.

Auch zwei Kölner basteln an Insekten-Lebensmitteln: Timo Bäcker und Christopher Zeppenfeld wollen unter dem Namen Swarm Protein einen Proteinriegel mit Insekten herstellen. Genauer: einen Riegel aus gemahlenen Grillen, von denen bis zu 100 in einem der Snacks stecken. Die Riegel sollen sich hauptsächlich an Sportler richten und stehen noch nicht zum Verkauf. Im Sommer wollen die beiden Unternehmer allerdings in Deutschland, Österreich und der Schweiz an den Markt gehen. „Wir merken, dass Menschen mehr über Insekten und die Möglichkeiten, sie zu essen, wissen wollen“, sagt Bäcker. Pro Riegel, dessen Grundzutat Grillenmehl aus Thailand importiert wird, wollen sie knapp drei Euro verlangen.

SWARM_Protein_Farm

Die beiden Swarm-Protein-Macher Timo Bäcker und Christopher Zeppendorf (von links)

Die beiden wissen, wie ungewöhnlich ihr Produkt ist und wie sehr es bei den potentiellen Kunden polarisiert. Deshalb wollen sie erstmal mit drei verschiedenen Sorten, die für Kunden leicht zugänglich sind, starten – also etwas mit Beeren, Nüssen und Kakao. „Wir wollen unsere Kunden nicht überfordern, in dem wir noch ausgefallenere Geschmacksrichtungen ausprobieren. Da verlangt die Zutat Grille schon genug von ihnen ab“, so Unternehmer Bäcker.

Doch noch stehen die beiden ganz am Anfang, gegründet haben sie noch nicht. Bisher finanzieren sie sich über eine Existförderung und Geld, welches sie bei Businessplan-Wettbewerben gewannen. Sie planen gemeinsam mit einer Ernährungswissenschaftlerin, mit Swarm Protein Geld über die Crowd einzusammeln. In einigen Wochen soll es losgehen.

In den USA gibt es Geld von Investoren

Mit ihren Insektenangeboten wollen die Unternehmer Fleisch jedoch nicht ersetzen. Sie alle sehen Insekten aber als eine gute Erweiterung der täglichen Ernährung. „Ich denke, es macht schon Sinn, den Speiseplan der Zukunft durch Insekten zu ergänzen“, so Dammann. „Wenn künftig Insekten auch industriell als nachhaltiges, tierisches Protein genutzt werden, wird sich dies sicher auch ökologisch positiv auswirken.“

Wie interessant der Markt sein kann, zeigt der Blick über den Atlantik. In den USA haben Insekten-Startups schon die Aufmerksamkeit einiger Investoren auf sich gezogen. So konnte Exo, ein direkter Wettbewerber von Swarm Protein, schon über fünf Millionen Dollar einsammeln, unter anderem von Accel Food. Auch Ariel Zuckerberg, die Schwester des Facebook-Chefs, und Mark Cuban, Milliardär und Investor beim DHDL-Vorbild Shark Tank, investierten laut Wired bereits in Insekten-Startups. Und der milliardenschwere Taxischreck Uber hat im August 2016 in das polnische Startup Hipromine investiert.

Bild: Snack Insects