Vom Rückstand war die Rede, vom Handeln unter Angst und dem Widerstand gegen die Digitalisierung. Worte wie Chancen oder neue technologische Möglichkeiten suchte man bei der Plattform „Innovative Digitalisierung der Wirtschaft“ auf dem Nationalen IT-Gipfel in Berlin vergebens. Die trübe Stimmung mag dem Novemberwetter geschuldet gewesen sein, den Ereignissen der vergangenen Tage oder – aus Startup-Sicht – den vielen Anzügen, die die Veranstaltung des Bundeswirtschaftsministeriums dominierten.

Aber sie wirkt symptomatisch für große Teile des deutschen Mittelstands, den man in Berlin und anderswo doch eigentlich, und offenbar aus gutem Grund, so gerne mit den jungen, dynamischen Startups zusammenbringen möchte.

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Dabei hatte alles so spritzig angefangen. Wirtschaftsstaatssekretärin Brigitte Zypries betrat wenige Minuten nach dem eigentlichen Beginn die vollkommen leere Bühne, nahm das Mikrofon in die Hand und wandte sich zum Saal. „Möchte der Moderator noch ein Entrée machen? Sonst fange ich einfach schon mal an.“ Dann folgte eine sicherlich verdiente Lobeshymne auf den deutschen Mittelstand. 1.700 Hidden Champions in allen Bereichen der Industrie habe der vorzuweisen.

Auch Lob für die Digitalszene hatte Zypries parat, zumindest wenn man es so verstehen will: „Diese Essenslieferungs-Apps werden ja gerade exorbitant, zumindest hier in der Gegend. Und wenn so etwas erst einmal en vogue ist…“ Startups brauche man als Kooperationspartner, „damit der Mittelstand nicht in seiner Struktur disruptiert wird.“

Dann wurde es trocken. Thesenpapiere, Studien, Handlungsempfehlungen. Startup-Professor Tobias Kollmann brachte immerhin noch knackig auf den Punkt, worauf es im (Digital-)Geschäft ankommt: Köpfe, Kapital, Kooperationen. Letztere, das wurde auf der Veranstaltung zwar vielfältig aber dennoch einstimmig durchexerziert, seien besonders wichtig für die „Young IT“ und den Mittelstand auf dem gemeinsamen Weg ins Digitale.

Bertram Kawlath brach eine Lanze für das seit 130 Jahren bestehende Stahlgieß-Unternehmen, das er führt: „Gute Ideen kommen nicht nur aus Startups. Wir machen jetzt auch 3D-Druck und digitalisieren.“ Sehr wohl tausche man sich aber intensiv mit Startups aus. Währenddessen betonte Thermondo-Mitgründer Philipp Pausder, dass die junge IT-Szene mehr sei als bloß digital: Es sei die Arbeitsweise, die sie ausmache, die Kultur, die Sprache, offene Büros – er und sein Mitgründer säßen mitten im Großraumbüro. „Weil wir so sozialisiert wurden.“

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Je weiter die Panels am frühen Nachmittag voranschritten, um so klarer wurde allerdings das Prekäre an der Situation, in der sich die deutsche Wirtschaft gerade befindet. Klar ist, dass der Mittelstand digitaler werden muss, um im Wettbewerb zu bestehen. Und dass es für beide Seiten nützlich sein kann, wenn sich Startups mit alteingesessenen Unternehmen austauschen. Alles andere wäre von Teilnehmern eines „IT-Gipfels“ auch kaum zu erwarten gewesen.

Wie aber genau das passieren soll – dazu gab es wenig Lösungsvorschläge. Die Industrie- und Handelskammern seien in der Pflicht, Berufsverbände und Vereine. Leider stand von denen niemand auf der Bühne. Berlins Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer brachte nach ihrer üblichen Berlin-Startuphauptstadt-Promo noch Institutionen wie die vielfältigen Fraunhofer-Institute in Spiel, die sich ja dem Matchmaking widmen könnten. Des Rätsels Lösung kann aber auch das nicht sein.

Vielleicht ist es zwischen Parolen wie „Mehr Mut statt Mittelmaß“ (Virtenio-Chef Thomas Henn), „Innovate or die“ (Relayr-CEO Harald Zapp) oder „Digitalisierung wird mehr sein als der nächste Automatisierungsschritt“ (Cornelia Yzer) tatsächlich der einzige Weg, stetig auf Veranstaltungen überall im Land für mehr Zusammenarbeit zu werben. Bei Konzernen, so hat es zumindest den Anschein, setzt man sich ja nach langem Zögern nun auch intensiver mit Digitalem auseinander.

Stärker noch als bei den Großunternehmen wird der Weg des Mittelstands in die Digitalisierung aber ein holpriger sein – eigene Inkubatoren oder Acceleratoren zur Inspiration sind keine Option. Und da wäre es doch wünschenswert, sich auf die neuen Chancen und die vielen unausgeschöpften Möglichkeiten zu fokussieren statt auf das Gegenhalten gegen „die Anbieter aus den Internet-Kanälen“. Konkrete Erfolgsbeispiele gäbe es von Thermondo über Runtastic bis hin zu Zalando ja sicherlich genug.

Bild: Gründerszene