Jan_Schwenzien_Testcloud

Jan Schwenzien ist einer von drei TestCloud-Gründern

„Die Mobile-First-Strategie hat auch bei unseren Kunden oberste Priorität“

Bei TestCloud zählt das Mehraugenprinzip. Das Berliner Softwaretesting-Unternehmen setzt beim Absuchen von Programmen und Applikationen auf die Intelligenz der Crowd. Ein Netz von Freiberuflern, derzeit sind es rund 11.000, untersucht, ob sich in Software Bugs verstecken.

Kritisch wird es beispielsweise, wenn die Kreditkarte auf der Seite des Onlineshops nicht funktioniert oder wenn Links ins Nichts führen. Die Tester sollen Mängel wie diese vorab zu Tage fördern, etwa über Screenshots dokumentieren und ihren Auftraggebern in entsprechenden Fehlerberichten Verbesserungsvorschläge geben.

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Auch andere Unternehmen lagern Softwaretests in die Crowd aus, statt hauseigene Entwickler zu beauftragen. Neben TestCloud bieten auch das britische Bugfinders oder das indische 99tests Crowd-Tests an. Im vergangenen März hatte der Münchner Wettbewerber Testbirds eine vom französischen VC Seventure Partners angeführte Runde in Höhe von 2,1 Millionen Euro abgeschlossen. Eine Konsolidierung gab es im Mai zu vermelden, als der US-Marktführer uTest den Berliner Anbieter Testhub, ehemals UI-Check, schluckte und sich damit unter dem Namen Applause auch in Europa niederließ.

Thomas Grüderich, Jan Schwenzien und Carsten Lebtig, der das Unternehmen Ende 2013 verließ, gründeten TestCloud im August 2011. Kurz darauf investierten mehrere Business Angels, darunter die Heilemann-Brüder, sechsstellig in das Startup. Eine ebenfalls sechsstellige Förderung der Investitionsbank Berlin (IBB) folgte im vergangenen Oktober.

Was seitdem passiert ist und inwiefern sich die Auftragslage verändert hat, berichtet TestCloud CTO Jan Schwenzien im Interview.

Im vergangenen Oktober habt Ihr von der Investitionsbank Berlin eine sechsstellige Förderung erhalten. Was habt Ihr mit dem Geld gemacht?

Wir haben das Kapital wie geplant in unsere Software-Testing-Technologie gesteckt. Damit haben wir erfolgreich den Schritt von der Agentur zur SaaS-Plattform vollzogen. Darüber können unsere Kunden die Tester-Crowd nun jederzeit selbst beauftragen. Das gibt ihnen die Möglichkeit, auch über Nacht und am Wochenende testen zu lassen.

Wie sah denn das ursprüngliche Modell aus?

Es beinhaltete viele persönliche Gespräche und Telefonate. Unseren Kunden haben wir Tests als Projekte angeboten und manuell überwacht, dass die Crowd den Anforderungen entsprechend testet. Aufgrund unseres Ursprungs als Dienstleister haben wir dennoch unser hohes Service-Level beibehalten.

Welche Konsequenzen hatte die Neuausrichtung für Euch?

Die Zahl der Tests ist deutlich gestiegen. Ende 2012 hatten wir gerade einmal zwischen 300 und 400 Tests durchgeführt. Heute, etwa eineinhalb Jahre später, sind es fast 6.000 – und das bei rund 11.000 Testern, die über 130.000 Bugs entdeckt haben.

Aus welchen Bereichen kommen die Tester? Bei dieser Menge dürften nicht nur Experten dabei sein.

Tatsächlich sind nur rund zehn Prozent der Tester Profis, die hauptberuflich im Bereich Softwaretesting arbeiten. Die Mehrheit ist ein Querschnitt durch die Bevölkerung. Da die Tests unter echten Bedingungen stattfinden sollen, stehen technisch versierte Tester nicht im Fokus, während die Qualität natürlich von großer Bedeutung ist. IT-Laien vermitteln wir daher in speziellen Workshops vorab das nötige Know-how. Innerhalb der Community helfen sich die Tester außerdem gegenseitig.

Wie hat sich die Übernahme von Testhub durch uTest im Mai dieses Jahres auf Euch ausgewirkt? Mit dem Deal ist Euer US-Wettbewerber ja in den europäischen Markt vorgeprescht.

Wir begrüßen jegliche Art des Wettbewerbs im Crowdtesting. Es zeigt, dass sich der Software-Testing-Markt in die richtige Richtung bewegt. Applause ist zum einen aktuell mit der Konsolidierung beschäftigt. Von der Existenz des europäischen uTest-Verkaufsarms haben wir deshalb noch nichts gemerkt. Zum anderen positionieren wir uns bewusst anders. Applause ist stark im Agenturmodell, während wir den Fokus mit unserer SaaS-Plattform auf die Entwickler legen. Was uns außerdem in die Karten spielt, ist die Tatsache, dass die Testhub-Kunden durch die Übernahme in das teurere Preismodell von uTest gedrängt werden.

Ende 2011 hattet Ihr angekündigt, nach Österreich und die Schweiz expandieren zu wollen. Habt ihr diesen Schritt schon hinter Euch? Welche Ziele peilt Ihr darüber hinaus an?

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In Österreich und der Schweiz sind wir schon, das hat gut funktioniert. Wir haben unter anderem auch Kunden in den USA, in Großbritannien, Mexiko und Frankreich, um nur ein paar zu nennen. Wir unterstützen deutsche Firmen, wenn Sie in andere Länder expandieren. Natürlich haben wir große Ambitionen bezüglich unseres Wachstums. Wir bekommen täglich Anfragen von Kunden aus der ganzen Welt. Deshalb steht auf unserer Roadmap weiterhin die internationale Expansion.

Ich kann mir vorstellen, dass sich der Fokus beim Software-Testing stark in Richtung Mobile verschoben hat. Schlägt sich das in den Aufträgen Eurer Kunden nieder?

Der Mobile-Testing-Markt wächst deutlich schneller als der des Website-Testings. 75 Prozent der Tests wurden noch 2013 mit Webseiten durchgeführt. Damals spielten sich nur 25 Prozent im mobilen Bereich ab. Heute machen die Tests von Smartphone- und Tablet-Anwendungen 60 Prozent des Geschäfts aus. Mobile ist fünf mal so groß wie noch vor einem Jahr. Die Mobile-First-Strategie hat auch bei unseren Kunden oberste Priorität. Deshalb setzen sie auf Crowdtesting.

Jan, vielen Dank für das Gespräch.

Bild: Testcloud