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Julian Teicke und das Wefox-Management Dario Fazlic, Fabian Wesemann und Jonathan Seoane (von links)

Dass die Leute sich nicht für Versicherungen interessieren, war Julian Teicke schon immer klar. Es koste deswegen mehrere hundert Euro an Marketingausgaben, um nur einen einzigen weiteren Kunden zu gewinnen, sagte der Gründer kürzlich auf der Bühne der Tech-Konferenz Noah.

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Mit seiner Versicherungs-App Wefox – ehemals Financefox – hat Teicke aus diesem Grund einen besonderen Weg eingeschlagen. Kunden können über die App ihre Versicherungsverträge verwalten, gleichzeitig ist es möglich, als Makler seine Kunden über die Plattform des Startups zu organisieren. Der Vorteil für Wefox: Die Makler übernehmen den Vertrieb. Insgesamt 125.000 Kunden habe das Insurtech-Startup so erreicht, 600 Makler arbeiten mit dem Unternehmen zusammen. Für seinen Plan erhielt das Startup im vergangenen Jahr 28 Millionen Dollar, der Multimilliardär Li Ka-Shing und Target Global investierten.

Mit One startet das junge Unternehmen nun ein ambitioniertes Projekt. Ab September kann das Startup seine Kunden auch versichern. Im Gegensatz zu anderen Insurtech-Startups will es eine Versicherungslizenz haben und ist so nicht mehr auf etablierte Partner angewiesen. Dafür trägt das Startup auch das Versicherungsrisiko und muss hohe Rücklagen bilden. Was Wefox damit vor hat – und welche neue Rolle Gründer Julian Teicke übernimmt, erzählt er im Gründerszene-Interview. 

Julian, wie wird die neue Versicherung One für die Kunden funktionieren?

In drei Minuten können sie per App eine Haftpflicht- oder Hausratversicherung abschließen. Ein Chatbot stellt einige Fragen und der Kunde bekommt daraufhin ein Angebot. Das Team von One hat es geschafft, die AGBs stark herunterzubrechen – so sieht der Kunde sofort, was genau versichert wird. Per Kreditkarte kann der Kunde bezahlen und ist dann direkt versichert. Auch die Schadensmeldung funktioniert komplett über die App.

Wenn beispielsweise im Haus ein Schaden entsteht, beantwortet der Kunde also ein paar Fragen und macht ein Foto?

Genau. Auch dieser Ablauf soll nur ein bis zwei Minuten dauern. Und in 60 Prozent der Fälle prüft One automatisch und zahlt direkt aus. In 40 Prozent ist eine Prüfung durch einen Mitarbeiter nötig.

Außerdem wird an einem Punktesystem gearbeitet: Ein Kunde wird belohnt, wenn er beispielsweise einen Monat schadensfrei ist oder einen Freund anwirbt. Einmal im Jahr kann sich der Kunde entscheiden, ob er diese Punkte als Geld ausgezahlt haben möchte, einen Rabatt bekommt – oder den Betrag für einen guten Zweck spendet.

Mit solchen spielerischen Elementen, einer sogenannten Gamification, wollt ihr erreichen, dass die Kunden ihre One-App nicht nur öffnen, wenn sie einen Schaden melden wollen…

One will mit dem Bonus-System auch einen Schritt zurück zum ursprünglichen Gedanken von Versicherungen gehen: Eine Gruppe Menschen legt Geld zurück, falls es einem aus der Gruppe schlecht geht. Heute kommt ein Versicherungsmann im schwarzen Anzug und nimmt ihnen das Geld weg. One will so den Kunden einen Teil des Geldes zurückzahlen.

Eine Versicherung aufzubauen ist sehr teuer. Einige Insurtechs arbeiten deswegen mit etablierten Versicherern zusammen und bieten bereits digitale Versicherungsprodukte an. Warum reicht euch ein Versicherungspartner nicht?

Weil er ein Startup langsam macht. Wenn ich selber nicht das Risiko trage, muss ich immer mit einem dritten Unternehmen Verträge haben – und diese anpassen, wenn ich etwas verändern will. Wir haben mit One viel schnellere Innovationszyklen.

One tritt als europäischer Player an. Wo beantragt die Versicherung ihre Lizenz?

Die Lizenz will One in Liechtenstein bekommen, weil es das einzige europäische Land ist, das auch eine Versicherungslizenz für die Schweiz anbietet. Dort sind wir ja mit Wefox aktiv.

Wie hängt das Startup One überhaupt mit Wefox zusammen?

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Rechtlich gesehen sind es zwei unabhängige Unternehmen, die allerdings die gleichen Investoren besitzen. Ich werde den CEO-Posten bei Wefox abgeben und jeweils als Chef der Wefox-Holding und der One-Holding die Unternehmen auf einer höheren Ebene führen. Das mache ich auch, um einem möglichen Interessenkonflikt als Wefox-Chef aus dem Weg zu gehen.

Wo könnte der Konflikt entstehen?

Die beiden CEOs werden jeweils ihre eigene Agenda haben. One wird natürlich auf der Wefox-Plattform integriert sein. Trotzdem ist es nur ein Partner von mehreren. Für One wird Wefox wiederum ein wichtiger Vertriebskanal sein.

Das heißt, die Versicherungsprodukte von One werden nicht bevorzugt von Wefox vertrieben?

Nein, am Ende entscheidet ja der Makler auf unserer Plattform, welches Produkt er verkauft. One wird sich an allen anderen Produkten messen müssen.

Werdet ihr die Versicherung auch über andere Online-Kanäle verbreiten?

Ja, allerdings steht das nicht im Fokus. Das ist ja das große Problem der Versicherungen und Insurtech-Startups: Sie müssen im Durchschnitt 300 bis 800 Euro an Marketingkosten ausgeben, um einen Kunden im Internet zu gewinnen. Über unsere Plattform in Zusammenarbeit mit den Maklern zahlen wir dafür nur etwa zehn Euro, also wird ein großer Teil der One-Kunden über Wefox kommen.

Wie geht es nach dem Start von One im September weiter?

One startet erst einmal in Deutschland. Im kommenden Jahr sollen dann die Schweiz und Österreich dazu kommen. Außerdem wird die Bandbreite der Versicherungsprodukte erweitert. Im nächsten Jahr werden wir voraussichtlich weitere Sachversicherungen und eine Lebensversicherung anbieten.

Was soll dann kommen?

In den nächsten Jahren sollen dann auch die KFZ- und Krankenversicherungen mit Partnern folgen. Wir suchen dann den innovativsten Player im Markt. Am Ende soll eine Police alle Schadensbereiche abdecken, daher der Name des Startups.

Allein schon für die geplante Lizenz braucht es hohe Rücklagen. Wie viel Geld steht für One bereit?

Etwa zehn Millionen Euro aus unserer letzten Finanzierungsrunde. Es war ein krasser Prozess, die Lizenz zu beantragen, weil die Aufsichtsbehörden es noch nicht gewöhnt sind, mit durch Wagniskapital finanzierten Unternehmen zusammenzuarbeiten. Wir mussten deswegen auch einen extra großen Puffer beiseite legen. Dass die Munich Re unser Rückversicherer ist, hat sicherlich das Vertrauen in unser Unternehmen gestärkt. Das Management ist auch zertifiziert und musste Berufserfahrung in Versicherungen vorweisen. Die Lizenz ist in den letzten Schritten für den Launch im September.

Wie kamt Ihr dazu, mit One eine eigene Versicherung zu starten?

Ich habe den Gründer Stephan Ommerborn auf einer Konferenz in Miami kennengelernt. Er entwickelte zu der Zeit für die Versicherung Zurich ein ähnliches Modell – doch die wollte es nicht umsetzen. Ich habe dann angefangen eng mit Stephan und Samir El-Alami zusammenzuarbeiten.

Der wohl wichtigste Punkt ist es, Vertrauen zu gewinnen. Wie wollt ihr das als neuer Player schaffen?

Das stimmt und darauf liegt unser stärkster Fokus. Generell ist es so, dass die Menschen Versicherungen stark vertrauen, mehr noch als Banken. Diesen Wert haben die traditionellen Versicherungen noch nicht erkannt. Denn in den kommenden Jahren wird es darum gehen, wer unsere Daten besitzt. Ein Baby bekommt etwa einen Chip unter die Haut, um es vor einem möglichen Kindstod zu schützen. Diese Daten werden die Leute garantiert nicht Facebook oder Google anvertrauen. Aus diesem Grund braucht es einen Datenintermediär, der den Menschen die Möglichkeit gibt, selber über die Daten zu verfügen und diese dann den Versicherungen oder anderen Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Das wertvollste Unternehmen in 15 Jahren wird eine Versicherung sein.

Verstehe ich das richtig: Bei euch sollen also die Daten zusammenlaufen?

Wir werden am Ende nicht über die Daten verfügen, aber wir wollen das Projekt vorantreiben und auf unserer Plattform radikale Transparenz schaffen. Der Kunde soll entscheiden welche Daten wir von ihm erhalten. Um weiteres Vertrauen aufzubauen, wird der Service immer die höchste Priorität haben.

Um einige Versicherungen zu verkaufen, braucht es doch eine Datenbasis. Beispielsweise bei einer Berufsunfähigkeitsversicherung kann der Nutzer ja nicht einfach seine Knieprobleme aus dem Dokument löschen.

Stimmt. Das sind alles Fragen, die wir uns stellen müssen. Wie lassen sich diese unglaublich großen Datenmengen mit dem Konsumentenschutz vereinbaren? Die Behörden sind momentan mit der Datenflut überfordert. An all diese Probleme wollen wir uns setzen: Wir haben ein Innovationsteam zusammengestellt, das mit den Aufsichtsbehörden an diesen Fragen arbeiten soll.

Danke für das Interview, Julian. 

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Bild: Wefox