Cooliris Sebastian Blum

Sebastian Blum mit Cooliris-CEO Soujanya Bhumkar

„Wenn du gut zu den Leuten bist, kommt es 20-fach zurück“

Sebastian Blum kam ins Silicon Valley, um dort das Büro von T-Venture, der Venture-Capital-Gesellschaft der Deutschen Telekom, zu übernehmen. Doch dann verguckte er sich in eines seiner Investitionsobjekte – und wechselte die Seiten. Seit drei Jahren leitet Sebastian Blum das Business Development bei Cooliris, einer Foto-Präsentations-App für iPad und iPhone, die Bilder aus sämtlichen Kanälen (Facebook, Instagram, Dropbox, Tumblr und viele mehr) des Benutzers zu einer einzigen 3D-Diashow bündelt.

Wie wurdest du VC im Silicon Valley?

Ich hatte schon sieben Jahre VC-Erfahrung bei T-Venture in Europa und kam dann als One-Man-Show in deren Büro ins Valley. Dort merkte ich, dass ich trotz meiner Erfahrung in Bezug auf Netzwerk, Dealsourcing und Dealselektion wieder von vorne anfangen und mir meine Sporen dort lokal neu verdienen musste. Ein VC aus Europa – das war damals für die Amerikaner noch Niemandsland, wo damals vielleicht höchstens Skype oder MySQL als große Success-Stories bekannt waren.

Welcher Aspekt des VC-Lebens hat dich am meisten beeindruckt?

Dass alles plötzlich so greifbar in der San-Francisco-Bay-Area ist. Und man all diese großartigen Leute wirklich kennenlernen kann.

Ist das tatsächlich so einfach?

Ich lebte gerade erst die zweite Woche im Valley, als mich ein paar Bekannte mit zu dieser Privatparty in den Bergen von Menlo Park mitnahmen. Ich unterhielt mich mit den anderen Gästen, jeder arbeitete bei einem Startup, bei kleineren und größeren – und ein paar eben bei Facebook. Das war 2006, und Facebook war für mich ein totaler Nobody, da ich in Europa keine Internetdeals gemacht, sondern fast ausschließlich im Bereich Infrastruktur gearbeitet hatte.

Anzeige
Und so redete ich mit einem Mädchen, das Facebook-Mitarbeiterin Nummer 40 oder so war. Was danach passierte, ist Geschichte, aber rückblickend wurde schnell klar, welche riesige Chancen plötzlich in greifbarer Nähe liegen – man muss nur fleißig, freundlich und offen sein und ein bisschen Glück haben. Damals kam ich nicht auf die Idee, ein Studentenportal weiterzuverfolgen, zumindest nicht in dieser Phase.

Wie kam dir die Idee, auf die Startup-Seite zu wechseln?

2008 bekam ich meine Greencard und hatte damit die Freiheit zu überlegen: Was will ich eigentlich machen? Damals war ich schon neun Jahre bei T-Venture, hatte selbst zwölf oder13 Deals gemacht und fand alles sehr repetitiv: Du findest einen Deal, begeisterst dich, investierst, dann bist du dabei – und hast doch keine Kontrolle, weil die Geschicke des Unternehmens in der Hand des Gründerteams liegen. Das ist zumindest die Investing-Philosophie im Silicon Valley: The Founders and the Management team are the drivers.

Du wolltest aktiver Einfluss auf die Unternehmen nehmen, die du betreutest?

Ja, ich war bei jedem meiner Deals angefixt und ich wollte wirklich am liebsten aktiv mitmachen, Dinge leiten, kreativ sein, das Schicksal des Unternehmens mitbestimmen. Außerdem wurde auch klar, dass die VCs mit den besten Trackrecords und der besten Performance meist auch selbst unternehmerische Erfahrung hatten. Operative Erfahrung hilft dir, ein besserer Investor zu sein.

Warum hast du ausgerechnet bei Cooliris angeheuert?

2008 haben wir Cooliris kennengelernt – der Kontakt kam durch Andy Rubin zustande, den Gründer von Android, in den wir vorher investiert hatten. Wir beschlossen, in das Unternehmen zu investieren, ich fand das Gründerteam, den Markt und das Produkt einzigartig und war daraufhin viel mit dem Team unterwegs – jedes Management hat ja einen anderen Style, wie sie ihre Investoren einbinden. Manche treffen sie am liebsten nur einmal in Quartal beim Boardmeeting, bei Cooliris wurde ich jedoch sehr eingebunden, habe bei der Strategie geholfen und Kontakte vermittelt – teilweise bin ich sogar zu Terminen mitgegangen und und beließ es nicht nur bei Intro-Mails.

Und dabei hast du dann Blut geleckt?

Ja, vor allem, als wir zusammen in Europa unterwegs waren. Manchmal ließ ich mich bei Präsentationen vor möglichen Partnern so mitreißen, dass ich selbst das Wort ergriff, um auf die europäische Perspektive einzugehen. Und so kam es nicht überraschend, dass Soujanya Bhumkar, der CEO von Cooliris, mich schließlich fragte, ob ich nicht ganz an Bord kommen möchte.

Als VC warst du One-Man-Show, im Startup nun plötzlich in ein Team eingebunden – war das eine Umstellung?

Klar, das war etwas ganz anderes – aber ich hatte es als VC sehr vermisst, im Team und mit Kollegen zu arbeiten. Der Wechsel und die kulturelle Umstellung haben mir von Anfang an wahnsinnig Spaß gemacht, und den alten Job habe ich bis jetzt nie richtig vermisst. Großartig find ich vor allem, dass ich jetzt wirklich ganz unmittelbar Einfluss nehmen kann. Dinge entscheiden, deren Auswirkungen man sofort sieht. Im VC-Geschäft dauert das oft Jahre. Bei Cooliris bin ich ganz nah dran am Produkt, als VC musste ich mich viel mehr auf mein Bauchgefühl verlassen.

Weil ein VC eher wie ein Adler über den Dingen schwebt?

Ja, und außerdem hat ein VC natürlich einen klassischen Portfolio-Ansatz: Du legst deine Äpfel in verschiedene Körbe. Ungefähr 20 oder 30 Prozent der Investments sind erfolgreich und finanzieren damit den kompletten Fonds. Bei einem Startup dagegen legt man alle seine Äpfel in denselben Korb. Der daraus entstehende Druck empfinde ich als sehr viel höher, was ich allerdings eher positiv sehe.

Welche Fähigkeiten aus deiner VC-Zeit kannst du jetzt beim Startup nutzen?

Ich habe elf Jahre lang Firmen als mögliche Investitionsobjekte bei der Telekom vorgestellt und immer wieder gehört, warum viele von ihnen abgelehnt wurden. Und dabei wurde intern ganz sicher offener kommuniziert, als man mit den Firmen gesprochen hat, wenn man ihnen die Absagen erklärte. Dies ist nur ein Beispiel von vielen und diese Einblicke in Entscheidungsprozesse helfen mir jetzt sehr, wenn ich mit Partnern verhandele.

Dein altes Netzwerk ist sicher auch nützlich.

Ja, das alte Netzwerk hilft mir noch heute sehr. Wobei es da auch oft lustige Situationen gibt. Neulich habe ich mit einem großen Internetplayer verhandelt, und mein Verhandlungspartner sagte dann plötzlich: „Wir kennen uns doch, vor ein paar Jahren habe ich bei dir gepitcht!“ Da fühlst du dann schon einen kleinen Blitzstoß: Oh Gott, hoffentlich war ich damals freundlich, und habe auf positive und offene Weise erklärt, warum der Deal für uns gerade nicht in Frage kommt! Aber das ist auch so ein Valley-Ding: Wenn du gut zu den Leuten bist, kommt es 20-fach zurück.

Was hat sich durch deinen Wechsel verändert?

Anzeige
Ich gehe nicht mehr auf Networkingevents, nur um mein Gesicht zu zeigen. Höchstens auf persönliche Einladung, wenn ich vorher weiß, wen ich warum dort treffen will. Ich bin wesentlich fokussierter in meinem täglichen Arbeiten. Außerdem bin ich viel mehr unterwegs, in Russland und Asien. Das ist eine Frage des Powerhebels: Bei guten Deals hat der VC mehr Macht, da kommt das Startup zum VC. Nun muss ich zu den großen Partnern reisen, mit denen ich zusammenarbeiten will.

Gibt es etwas, das du vermisst?

Vielleicht die Ruhepausen, die man sich zwischendurch als VC gönnen kann. Aber das wird wettgemacht durch den Spaß, das Team, das unmittelbare Feedback von unseren Usern und dem täglichen Thrill Ride eines Startups.

Willst du irgendwann zurück auf die Investorenseite?

Das kann ich mehr sehr gut vorstellen, irgendwann. Im Moment bin ich zu 100 Prozent bei Cooliris, aber ich glaube, es wird für mich jetzt immer diese zwei Pole geben, zwischen denen ich hin- und herspringe – die operative Seite und die Investment-Seite.

Dieser Artikel ist Teil unseres sechswöchigen Themenspecials zum Valley Camp. Wir fliegen im Oktober nach San Francisco, um für euch von dort zu berichten – wer mitfliegen will: alle Infos hier.

Beim Valley Camp könnt ihr Cooliris und T-Venture übrigens aus nächster Nähe kennenlernen. Neben einer Office Tour bei Cooliris organisieren wir einen Workshop zum Thema „Success factors for German startups in the Silicon Valley“ mit Bernhard Gold, Investment Director bei T-Venture und einer der ersten Investoren von Cooliris.

Bild: Sebastian Blum