Kreditech wächst, und das rasant. Drei Jahre nach Gründung ist das Fintech-Startup in neun Ländern aktiv, es beschäftigt über 200 Mitarbeiter, im Blick hat das Unternehmen ein Wachstum von „weit mehr als 500 Prozent pro Jahr“, wie CFO René Griemens vor wenigen Wochen erklärte. Da konnte Kreditech gerade eine gewaltige Kreditfinanzierung durch den US-Investor Victory Park Capital verkünden, der den Hamburgern 200 Millionen US-Dollar zur Verfügung stellte.

Nicht immer verläuft dieses eindrucksvolle Wachstum reibungs- und störungsfrei. Im Herbst wurde bekannt, dass mehrere Manager das Unternehmen verlassen hatten – sie störten sich am rauen Umgangston der Geschäftsführung und äußerten Zweifel am Geschäftsmodell. CEO Sebastian Diemer gab später zu, verbale Ausfälle könnten „unter großem Stress schon mal vorkommen“.

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Es sind offenbar nicht die einzigen Wachstumsschmerzen, die das Unternehmen umtreiben.

Nach Informationen von Gründerszene ist Kreditech seit dem Spätsommer dabei, die Verwaltung der Geschäfte in den neun ausländischen Märkten auf die jeweiligen Tochtergesellschaften vor Ort zu verlagern. Das sorgt in der Belegschaft für Unruhe: Weil im Zuge der Verlagerung Stellen in Hamburg gestrichen wurden – und weil es unterschiedliche Angaben zu den Gründen des Umbaus gibt.

In einem offiziellen Schreiben von Ende November, das Gründerszene vorliegt, kündigt Kreditech an, bis zu 21 Mitarbeiter entlassen zu wollen. Der Grund: „Vor dem Hintergrund regulatorischer Vorgaben“ habe die Firma „bestimmte Geschäftsaktivitäten auf ihre ausländischen Tochtergesellschaften verlagert“, weswegen „einzelne Geschäftsbereiche einzustellen“ seien. Und: „Anderweitige Beschäftigungsmöglichkeiten für die von den Entlassungen betroffenen Arbeitnehmern bestehen nicht.“

Solche sogenannten Massenentlassungsanzeigen sind für Unternehmen verpflichtend, wenn die Zahl der zu entlassenden Mitarbeiter eine gewisse Quote übersteigt. Eine Begründung für die Entlassungen muss mitgeliefert werden. Allerdings besteht zwischen den Formulierungen gegenüber der Arbeitsagentur und offiziellen Kreditech-Aussagen ein Widerspruch.

Denn gegenüber Gründerszene stellt das Unternehmen den Ausbau der lokalen Niederlassungen als „Resultat der steigenden Komplexität der Organisation“ dar. Will heißen: nichts Ungewöhnliches für eine im Wachsen begriffene Internetfirma mit globalem Anspruch. Kreditech betont auch, es gebe „keine Verlagerung von Geschäftsaktivitäten, sondern eine ressourcenseitige Stärkung der lokalen Teams“. Und vor allem: „Der Ausbau der lokalen Präsenzen erfolgt und erfolgte rein aus strategischen und organisatorischen Gründen.“

Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Auf Anfrage heißt es bei Kreditech: „Durch eine fehlerhafte Formulierung durch einen HR-Referenten kam es hier zu einer Falschdarstellung.“ Dies fiel offenbar auch der Personalchefin nicht auf, die das Papier unterzeichnete. Das Unternehmen betont, man habe die Bundesagentur für Arbeit später über die Unstimmigkeit informiert. Die Behörde wollte den Vorgang weder bestätigen noch dementieren – aus Datenschutzgründen.

Warum ist das relevant? Die Begründung, Kreditech verlagere aus freien Stücken, ist nicht unumstritten. Von Mitarbeitern ist zu hören, die Geschäftsführung habe die Entscheidung „aus rechtlichen Gründen“ getroffen – denn Kreditech stehe unter Druck, von Seiten der Finanzaufsicht BaFin sowie der Hamburger Datenschutzbehörde. Für diese Darstellung gibt es allerdings keinen Beleg. Von der BaFin ist nur zu hören, dass Kreditech „über keine Erlaubnis der BaFin verfügt und mithin auch nicht der Aufsicht der BaFin unterliegt“. Und der Hamburger Datenschutzbeauftragte bestätigt, dass das Unternehmen zwar von seiner Behörde geprüft werde, der Vorgang aber noch nicht abgeschlossen sei.

Kreditech betont: „Es gibt keine neuen regulatorischen Vorgaben, die unser Geschäftsmodell oder unsere Organisation betreffen. Die Kreditech Holding SSL GmbH sowie ihre Tochtergesellschaften waren zu jeder Zeit mit sämtlichen regulatorischen Anforderungen konform.“

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Dass dem Hamburger Startup dieser Punkt so wichtig ist, erschließt sich aus der Geschichte des Unternehmens: Zum Start 2012 boten Diemer und sein Mitgründer Alexander Graubner-Müller ihre Mikrokredite unter dem Namen Kredito auch in Deutschland an – ohne über eine Banklizenz zu verfügen. Nachdem die BaFin auf das Startup aufmerksam wurde und eine Prüfung erwog, machten die Gründer das Deutschlandgeschäft vorsorglich dicht und beschränkten sich auf das Geschäft im Ausland.

Zur Entlassung von über 20 Mitarbeitern, wie die Kreditech es gegenüber der Arbeitsagentur ankündigte, ist es nach Auskunft des Unternehmens schließlich gar nicht gekommen. Von den knapp 40 Mitarbeitern, die aus der Zentrale abgezogen und in Auslandsbüros verlegt werden sollten, seien acht freiwillig ins Ausland gegangen, 23 hätten andere Jobs in der Hamburger Zentrale übernommen, sieben einen einvernehmlichen Aufhebungsvertrag unterzeichnet – und nur einer hätte eine Kündigung erhalten.


In Bildern: Einblick ins Hamburger Kreditech-Büro
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Im August 2013 ist Kreditech in das Büro in der Hamburger Hafencity gezogen. Miltlerweile arbeiten hier über 140 Mitarbeiter...

Bilder: Kreditech